Kahl Fritz
Hoffnungsträger
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PORTRAIT

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Jeder Mensch hat eine Verantwortung, der muss man sich stellen.
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Ich wusste alles, weil ich Patienten hatte, die zum Teil Kommunisten waren, zum Teil aber auch durchaus keine Kommunisten waren, aber das Dritte Reich und sein Regime, das sich inzwischen entartet hatte, hassten, die genau wussten, dass sie mir alles erzählen konnten. Ich habe sogar im Krieg, es war zum ersten Mal im Jahr 1942, geheim aufgenommen Aufnahmen gesehen von Massenexekutionen und habe außerdem mehrere Leute gesprochen, die in Konzentrationslagern gewesen sind, davon einige in „Majdanek, und mir so viel damals erzählten, dass ich es ihnen zunächst kaum abgenommen habe. Erst später merkte ich, dass es tatsächlich die Wahrheit war.
Dr. Fritz Kahl gegenüber dem amerikanischen Politologen Dr. Manfred Wolfson, der ihn um 1966 fragte, was er damals über die Ermordung der Juden gewusst habe.
Ich wusste alles, weil ich Patienten hatte, die zum Teil Kommunisten waren, zum Teil aber auch durchaus keine Kommunisten waren, aber das Dritte Reich und sein Regime, das sich inzwischen entartet hatte, hassten, die genau wussten, dass sie mir alles erzählen konnten. Ich habe sogar im Krieg, es war zum ersten Mal im Jahr 1942, geheim aufgenommen Aufnahmen gesehen von Massenexekutionen und habe außerdem mehrere Leute gesprochen, die in Konzentrationslagern gewesen sind, davon einige in „Majdanek, und mir so viel damals erzählten, dass ich es ihnen zunächst kaum abgenommen habe. Erst später merkte ich, dass es tatsächlich die Wahrheit war.
Fritz Kahl wächst in einer Pfarrersfamilie auf, überlebt den Ersten Weltkrieg als Soldat und studiert anschließend Medizin in Marburg. Später lässt er sich als Arzt in Frankfurt am Main nieder. Schon früh positionierten er und seine Frau Margarete sich klar gegen das NS-Regime. 1934 reist Fritz Kahl nach Berlin, um einem jüdischen Kollegen beizustehen, dessen Praxis geschlossen werden soll. Während des Novemberpogrom 1938 verhindert er die Verhaftung eines jüdischen Fabrikanten. Ein enger Freund der Familie, der frühere Chefarzt des Frankfurter Markuskrankenhauses, Dr. Otto Loewe, wird Opfer der Pogrome. Diese Ereignisse hinterlassen bei Kahl tiefe Spuren.
Nach Kriegsausbruch behandelten in Frankfurt nur noch wenige nichtjüdische Ärzte jüdische Patienten – Fritz Kahl war einer von ihnen. Trotz Warnungen der Reichsärztekammer setzte er seine Arbeit fort. Am 21. Juli 1941 wurde der Familie die Lebensmittelzulage entzogen. Dennoch schickte Margarete Kahl ihren ältesten Sohn mit Lebensmitteln zu jüdischen Familien, die noch weniger hatten.
Ab 1941 bauen die Kahls und Pfarrer Heinz Welke von der Bockenheimer Dreifaltigkeitskirche, ein geheimes Rettungsnetzwerk auf, um Juden vor Verfolgung, Deportation und Tod zu bewahren und ihnen zur Flucht zu verhelfen. Sie organisieren Verstecke, beschaffen Lebensmittel und gefälschte Papiere, planen Fluchtrouten und koordinieren die Hilfe durch Pfarrer und Fluchthelfer in anderen Städten – auch über die Grenze hinweg, bis in die Schweiz. Durch einen früheren Sanatoriumsaufenthalt in Davos verfügt Welke gute Kontakte dorthin.
Zum Bockenheimer Netzwerk* gehören neben den drei Hauptakteuren auch Patienten von Dr. Kahl, Mitglieder der Dreifaltigkeitsgemeinde sowie der Kriminalbeamte Gentemann, der vor Gestapo-Razzien warnt und sogar einem Flüchtling eine Waffe übergibt. Ein Fälscher liefert manipulierte Papiere. Der Schlosser Karl Münch, einst mit Martin Niemöller auf einem U-Boot, unterstützt nach dessen Verhaftung den Widerstand: Er verteilt Flugblätter, übernimmt Kurierdienste und beschafft Ausweise durch Einbrüche in Ämter.
Weitere Helfer sind unter andern ein Lebensmittelhändler aus der Appelsgasse, der Marken für versteckte Juden einlöst, und Cavit Fitama vom türkischen Konsulat, der Obst und Gemüse bereitstellt. Die Haushaltshilfe Paula Meisenzahl bringt mehrfach Schmuck jüdischer Patienten nach London. In Stuttgart koordiniert Dorle Pfeiffer Fluchtrouten.
Im Juli 1942 erreicht ein schwer verletzter Mann das Netzwerk: Robert Eisenstädt ist aus dem Vernichtungslager Majdanek geflohen. Zunächst findet er Unterschlupf bei seiner Verlobten Eva Müller im Frankfurter Westend und wird von Fritz Kahl medizinisch versorgt. Später versteckt er sich in eine Mansarde im Haus der Familie Kahl in der Blanchardstraße 22 in Bockenheim. Während seiner Genesung planen Fritz und Margarete Kahl gemeinsam mit Pfarrer Welke seine Flucht.
Der Weg in die Schweiz ist riskant. Seit Monaten werden jüdische Flüchtlinge an der Grenze zurückgewiesen – nur schwangere Frauen und deren Ehemänner gelten als halbwegs sicher. Da Eisenstädt aufgrund seiner Mißhandlungen im KZ nur eingeschränkt fortpflanzungsfähig ist, führt Kahl bei Eva Müller eine künstliche Befruchtung durch – mit Erfolg.
Für die Helfer ist diese Flucht mehr als ein Einzelschicksal. Immer mehr Berichte über Massenmorde an Jüdinnen und Juden machen deutlich, wie dringend es ist Zeugenaussagen ins Ausland zu bringen. Eisenstädt ist einer der wenigen, die aus einem Vernichtungslager berichten können.
Im Februar 1943 machen sich Eva, sichtbar schwanger, und Robert, getarnt als verwundeter Soldat, auf den Weg. Margarete Kahl begleitet sie bis an die Grenze. Am 21. Februar gelingt die Flucht. Wenige Monate später, am 8. Juli, kommt in Basel ihre Tochter zur Welt.
Im März 1943 verstecken Kahls auch Eva Müllers Schwester Berta. Für ihre Flucht nach Wien besorgt Fritz Kahl ihr einen gefälschten Ausweis.
Auch in den letzten Kriegsmonaten bleibt das Netzwerk aktiv. Nach der Anordnung der letzten großen Deportation Frankfurter Juden am 14. Februar 1945 verstecken die Helfer mehrere von ihnen betreute Verfolgte in einem eigens dafür organisierten Unterschlupf in Königstein.
Nach Kriegsende wird Fritz Kahl, einer der wenigen unbelasteten Ärzte in Frankfurt, vom amerikanischen Stadtkommandanten für einige Zeit zum „City Health Director“ ernannt. Später nimmt er seine Arbeit als Hausarzt wieder auf.
* Die Soziologin Petra Bonavita prägte für das Rettungsnetz in Frankfurt-Bockenheim den Begriff „Bockenheimer Netzwerk“, der inzwischen als stehender Begriff verwendet wird.
Quellen: Pete Smith: Dr. Fritz Kahl. Begeisterter Arzt und moralisches Vorbild. Ärzte-Zeitung-Online, 12.02.2015.
Petra Bonavita: Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main: Das Bockenheimer Netzwerk. S. 22-26. In: Gebrochene Identitäten. Auswirkungen traumatischer Erfahrungen auf Child Survivors. Kongressbeiträge 4. – 7. 11.2012 (Hrsg.): Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.
Am 21. August 2006 nahmen Eugen Kahl und sein Bruder Gerhard in der israelischen Botschaft in Berlin im Namen ihrer Eltern die höchste Auszeichnung entgegen, die der Staat Israel an Nichtjuden vergibt. Seither gehören Margarete und Fritz Kahl zu den Gerechten unter den Völkern.
Seit 2008 erinnert in Frankfurt-Bockenheim die „Margarete- und-Fritz-Kahl-Anlage“ an ihr Wirken.
Petra Bonavita: Zivilcourage und Widerstand. Ausstellung zum 100. Geburtstag von Pfarrer Heinz Welke. 2. Auflage, 2024.
Beate Kosmala: Interview mit Eugen Kahl (geb. 1927), In: Christoph Hamann und Beate Kosmala: flitzen – verstecken – überleben? Hilfe für jüdische Verfolgte. Flucht, Versteck und Rettung in die Schweiz 1941–1945, S. 70-71. Berlin 2011.
Petra Bonavita: Mit falschem Pass und Zyankali. Das Bockenheimer Netzwerk, S. 11-51. Stuttgart 2009.
Beate Kosmala: Robert Eisenstädts Flucht aus dem KZ Majdanek. Über Frankfurt am Main in die Schweiz, in: Wolfgang Benz (Hrsg.): Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer, S. 113–130. München 2003.
Beate Kosmala und Revital Ludewig-Kedmi: Rettung eines Flüchtlings aus Majdanek: Margarete und Fritz Kahl, in: Beate Kosmala und Revital Ludewig-Kedmi: Verbotene Hilfe. Deutsche Retterinnen und Retter während des Holocaust. Mit Audio-CD (Interviews mit Rettern und einer Geretteten), Zürich 2003.
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