Madritsch Julius
Hoffnungsträger
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PORTRAIT
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Kinder in Säcken aus dem Krakauer Ghetto geschmuggelt.
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„Hilf uns, lass uns nicht im Stich! Dies war der Ruf, der mir aus den Augen tausender Menschen entgegenschrie, die kein anderes Verbrechen begangen hatten, als als Polen oder Juden auf die Welt zu kommen.“
Julius Madritsch
Julius Madritsch, ein gebürtiger Wiener und gelernter Textilkaufmann, kam 1940 – kurz nach der Besetzung Polens – nach Krakau. Er wurde dort als Treuhänder der deutschen Behörden eingesetzt und verwaltete zwei Textilfabriken in der Nähe des Krakauer Ghettos, die die Deutschen von ihren ursprünglichen Besitzern konfisziert hatten.
In seinen Betrieben beschäftigte Madritsch während des Krieges rund 2000 jüdische Zwangsarbeiter. Gemeinsam mit seinem Fabrikleiter Raimund Titsch setzte er alles daran, so viele Menschen wie möglich zu retten – auch solche, die keine Fachkräfte waren. In Zusammenarbeit mit dem Judenrat im Krakauer Ghetto stellte er gezielt Personen ein, denen andernfalls die Deportation drohte.
Madritsch und Titsch setzten sich zudem für menschenwürdigere Arbeitsbedingungen ein: Zwar war die Arbeit schwer, die Schichten lang und die Produktionsvorgaben hoch – doch wer die Vorgaben übererfüllte, erhielt zusätzliche Brotrationen. Um den jüdischen Arbeitern auch unter den widrigsten Umständen ein Mindestmaß an Würde zu bewahren, ließen sie sogar eine koschere Küche einrichten.
Gemeinsam mit Oswald Bouska, einem Polizisten, der für die Bewachung des Krakauer Ghettos zuständig war, verhalf Julius Madritsch mehrfach Juden zur Flucht und schmuggelte Lebensmittel in das Ghetto. Als Madritsch 1942 erfuhr, dass Kinder aus dem Krakauer Ghetto nach Auschwitz deportiert werden sollten, schmuggelte er sie mit Bouska, in Säcken verborgen, an den deutschen Wachposten vorbei in seine Fabriken. Von dort wurden die Kinder entweder ins rettende Ausland gebracht oder bei polnischen Familien versteckt. Auch während der Liquidierung des Ghettos im März 1943 setzte Madritsch sein Leben aufs Spiel: Er versteckte Hunderte jüdische Familien in Kellern und Bunkern auf dem Ghettogelände und bewahrte sie so vor der Deportation.
Im Zuge dieser Liquidierung wurden die jüdischen Zwangsarbeiter aus Madritschs Betrieben in das Konzentrationslager Plaszow deportiert. Auf sein Drängen hin erhielten sie zunächst die Genehmigung, weiterhin täglich zu Fuß zu den Fabriken zurückzukehren. Als das Verlassen des Lagers im September 1943 jedoch untersagt wurde, verlegte Madritsch seine Produktion direkt auf das Lagergelände. Unter dem Vorwand, zusätzliche Nahrungsmittel als „Leistungsprämien“ zu verteilen, brachte er regelmäßig größere Mengen Lebensmittel in das Lager – und versorgte damit auch Häftlinge, die nicht in seinen Betrieben arbeiteten.
Als Plaszow im September 1944 liquidiert wurde, scheiterte Madritschs Versuch, seine Fabrik zu verlegen. Dank seiner Kontakte zu Oskar Schindler gelang es ihm jedoch, mindestens 60 seiner Arbeiter in Schindlers Munitionsfabrik in Brünnlitz unterzubringen.
Julius Madritsch wurde am 18. Februar 1964 von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet.
Quellen: Yad Vashem.
Biografie: Julius Madritsch. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, online.
- Julius Madritsch wurde am 18. Februar 1964 von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet.
- In der Landstraßer Hauptstraße 11 in Wien wurde für Julius Madritsch eine Gedenktafel angebracht.
- Julius Madritsch: Menschen in Not. Meine Erlebnisse in den Jahren 1940 bis 1944 als Unternehmer im damaligen Generalgouvernement. Wien 1946.
- Andrea Löw, Markus Roth: Juden in Krakau unter deutscher Besatzung 1939–1945. Göttingen 2011.
Dokumentarfilm: Julius Madritsch, ein Gerechter unter den Völkern. Regie: Piotr Szalsza. Produktion: Zofia Beklen, Wiener-Krakauer Kultur-Gesellschaft, 2018. Abrufbar auf der Seite der Wiener-Krakauer Kultur-Gesellschaft. © Vimeo.
Die Schauspielerin Hannah Hohloch liest aus Menschen in Not von Julius Madritsch – zu hören auf YouTube.
„Hilf uns, lass uns nicht im Stich! Dies war der Ruf, der mir aus den Augen tausender Menschen entgegenschrie, die kein anderes Verbrechen begangen hatten, als als Polen oder Juden auf die Welt zu kommen.“
Ardi Goldman Kunst-
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