Ringelblum-Archiv
Hoffnungsträger
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Das Untergrundarchiv im Warschauer Ghetto
Personen:
Historiker Dr. Emanuel Ringelblum
„Wir müssen uns beeilen, weil wir nicht wissen, wie viel Zeit uns noch bleibt. … Wir hatten keine Angst, ein Risiko einzugehen. Uns war bewusst, dass wir Geschichte machten. Und das war wichtiger als unser Leben.“
David Graber, 19 Jahre
Bis 1939 war Warschau eines der wichtigsten kulturellen, religiösen und politischen Zentren des europäischen Judentums. Mit der deutschen Besatzung änderte sich alles. 1940 wurde ein Teil der Stadt zum Ghetto, in das die jüdische Bevölkerung unter katastrophalen Bedingungen gezwungen wurde. Überfüllte Straßen, Hunger und Krankheiten prägten den Alltag, Verzweiflung breitete sich aus. Mitten in diesem Chaos gründete der Historiker Emanuel Ringelblum im November 1940 ein geheimes Archiv. Unter seiner Leitung begann eine Gruppe von rund 60 Menschen, Zeugnisse des Leides, der Widerstandskraft und des Aufbegehrens im Warschauer Ghetto zu sammeln. Ihr Tarnname lautete Oneg Schabbat – „Freude am Sabbat“. Doch ihre Treffen an Samstagen galten nicht dem Feiern, sondern der Dokumentation des Ghettos. Ihre Aktivitäten gelten noch heute als beispielhaft für den zivilen Widerstand gegen die deutsche Besatzung in Polen.
Zur Gruppe gehörten Pädagogen, Schüler, Schriftsteller, Intellektuelle, ein Rabbiner, politisch und sozial engagierte Männer und Frauen. Sie sammelten alles, was das Leben im Ghetto widerspiegelte: Plakate, Zeitungsberichte, Dokumente, Statistiken, Lebensmittelkarten, etc. Doch auch persönliche Zeugnisse fanden ihren Platz – Tagebücher, Schulaufsätze, Gedichte, Familienfotos, Briefe und Postkarten. Sie hielten neben den Schrecken auch den Alltag von Theateraufführungen über Korruption bis zur Kollaboration Einzelner mit den deutschen Besatzern, fest.
Wäre die Arbeit der Gruppe entdeckt worden, hätte es ihren sofortigen Tod bedeutet. Doch sie machten weiter und das Archiv wuchs zur Chronik des Warschauer Ghettos und des besetzten Polens. Ab 1942 dokumentierten sie auch die systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung und schmuggelten Berichte über die Massenmorde zur polnischen Exilregierung in London – ein verzweifelter Versuch, die Welt zum Handeln zu bewegen. Am 22. Juli 1942 begannen auch im Warschauer Ghetto die Deportationen. Innerhalb von zwei Monaten wurden rund 280.000 Männer, Frauen und Kinder nach Treblinka verschleppt und ermordet. Es wurde höchste Zeit das Archiv zu retten. Die Mitglieder von „Oneg Schabbat“ versteckten ihre bisherigen Aufzeichnungen in Metallkisten und Milchkannen, vergruben sie an verschiedenen Orten im Ghetto – in der Hoffnung, dass jemand sie eines Tages finden würde.
Wie durch ein Wunder wurden 1946, unter den Trümmern des zerstörten Ghettos, Teile des Archivs entdeckt. Knapp 30.000 Seiten überstanden die Vernichtung. Mit dem „Oneg Schabbat“-Archiv hinterließen Emanuel Ringelblum und seine Mitstreiter der Nachwelt ein einzigartiges und unschätzbares Zeugnis über das Leben und den Widerstand im Warschauer Ghetto. Die Sammlung bewahrt nicht nur die Erinnerung an die jüdische Gemeinschaft, sondern zeigt auch, dass die Menschen im Ghetto nicht nur Opfer waren – sie leisteten Widerstand, dokumentierten ihr Schicksal, unterstützten einander und hielten trotz unmenschlicher Bedingungen an ihrer Kultur und Identität fest. Die Stimmen der Ghettobewohner sind nicht verstummt. Sie klingen weiter, bewahrt im Ringelblum-Archiv.
Quellen: Yad Vashem, online.
Sonja Ernst: Das Ringelblum-Archiv. Bundeszentrale für politische Bildung, 08.05.2013, online.
- Samuel D. Kassow, Karl Heinz Siber: Ringelblums Vermächtnis: Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos. Hamburg 2010.
- Georges Didi Hubermann: Zerstoben: Eine Reise in das Ringelblum-Archiv des Warschauer Ghettos.
Konstanz 2022. - Ulla-Britta Vollhardt, Mirjam Zadoff (Hrsg.): Wichtiger als unser Leben. Das Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos. Göttingen 2023. Der Band erschien anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum München, in Kooperation mit dem Jüdischen Historischen Institut Warschau.
- Geheimsache Ghettofilm. Regie: Yael Hersonski, 2013. Bundeszentrale für politische Bildung – Mediathek. Deutsche Version 2015.
- Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto. (Originaltitel: Who Will Write Our History, USA/Polen/Deutschland 2019). Regie: Roberta Grossman. Der Film erzählt die Geschichte des Ringelblum-Archivs im Warschauer Ghetto und ist auf YouTube abrufbar.
Aus dem Ringelblum-Archiv
Gedicht
„Telefon“
über das letzte funktionierende Telefon in seinem Haus:
Mit gebrochenem und krankem Herzen denke ich: Lass mich jemanden am anderen Ende anrufen… und plötzlich wird mir klar: mein Gott, da ist eigentlich niemand, den ich anrufen könnte…
Die Leitung steht frei – aber wo soll ich anrufen? In Brüssel? Nach Paris? Nach Wien? Nach Prag? Vielleicht nach Lemberg? Oder Warschau? Nein – das ist ja das Warschauer Ghetto…
Die Nummern sind ausradiert, verschwunden, leere Fenster, zerstörte Städte, Straßen gefüllt mit weinenden Menschen – und keine Stimmen mehr am anderen Ende.
Nur das Summen bleibt, dieses leise Geräusch, ein Echo aus der Vergangenheit, und die Hoffnung, dass irgendjemand sich erinnert, wenn niemand mehr da ist, den man anrufen kann…
Wladyslaw Szlengel
Brief
Der Hunger war im Ghetto allgegenwärtig und ein zentrales Thema in den Dokumenten. Leyb Goldin schrieb dazu:
„Es geht um dich und deinen Magen. Es geht um deinen Magen und dich. Es geht zu 90 Prozent um deinen Magen und ein bisschen um dich … Jeden Tag bekommen die Profile unserer Kinder, unserer Frauen den trauernden Ausdruck von Füchsen, Dingos, Kängurus. Unser Heulen ist wie das Geschrei von Schakalen … Die Welt steht Kopf. Ein Planet schmilzt in Tränen. Und ich – ich bin hungrig, hungrig. Ich bin hungrig.“
Leyb Goldin, August 1941.
Vermächtnis
„Ich bitte nicht um Dank, um ein Andenken, um Lob. Ich will nur, dass man sich meiner erinnert, damit mein Bruder und meine Schwester auf der anderen Seite des Meeres einmal wissen werden, wo meine sterblichen Überreste geblieben sind.
Ich will, dass man sich an meine Frau erinnert, Gela Seksztajn, Malerin (…).
Ich möchte, dass man sich an meine kleine Tochter erinnert. Margolis ist heute 20 Monate alt Sie spricht ein einwandfreies Jiddisch.“
Quelle: Israel Lichtenstein, Mein Vermächtnis, Warschau 31. Juli 1942. Wichtiger als unser Leben.
Das Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos. S. 124, 128.
Tagebucheintrag
David Graber, ein 19-jähriger Schüler und Mitglied des Untergrundarchivs, vergrub am 03. August 1942 mit seinem Lehrer Israel Lichtensztejn den ersten Teil der Archivmaterialien in einem Keller des Ghettos. Unter dem Eintrag „Mein letzter Wille“ schrieb er am 3. August 1942 in sein Tagebuch:
„Was wir nicht in die Welt hinausrufen und -schreien konnten, haben wir im Boden vergraben. … „Nur zu gerne würde ich den Augenblick erleben, in dem der große Schatz ausgegraben wird und der Welt die Wahrheit ins Gesicht schreit. Möge dieser Schatz in gute Hände fallen, möge er bis in bessere Zeiten überdauern, möge er die Welt alarmieren und auf das aufmerksam machen, was geschehen ist im 20. Jahrhundert.“
David Graber konnte diesen Augenblick nicht mehr erleben.
„Wir müssen uns beeilen, weil wir nicht wissen, wie viel Zeit uns noch bleibt. … Wir hatten keine Angst, ein Risiko einzugehen. Uns war bewusst, dass wir Geschichte machten. Und das war wichtiger als unser Leben.“
Ardi Goldman Kunst-
und Kulturstiftung gGmbH
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Hanauer Landstraße 188, 60314 Frankfurt am Main