Der Kunstparcours

Stefan Strumbel

o.T., 2017 · Zapfen, 2023

Cast Steel rusted | 149 x 80 x 50 cm
Bronze patiniert | 160 x 80 x 70 cm

Heimat darf kein Besitzanspruch sein – sondern ein Angebot zur Begegnung.

Stefan Strumbel lebt und arbeitet in Offenburg, DE.
*1979 in Offenburg, DE

EDUCATION

Freischaffender Künstler seit 2021

GRANTS, AWARDS, RECOGNITION

2007 Stipendium der Kunststiftung Hohenkarpfen, Hausen ob Verena
2017 Kunst am Bau, Sparkasse Offenburg

Ein Blick hinter das Werk

Zapfen, 2023

Ein Dreh- und Angelpunkt in Strumbel’s Œuvre ist die Konstruktion von „Heimat“ ein Begriff, dem Emotionen, Erinnerungen und politische Interessen gleichermaßen innewohnen. Dem Künstler geht es dabei nicht um moralisierende oder nostalgische Rückblicke, sondern um die Frage, wie kulturelle Identität konstruiert, erzählt und auch instrumentalisiert wird.

Traditionelle Symbole aus dem Schwarzwald, etwa die Kuckucksuhr, dienen ihm als Ausgangspunkt für eine ästhetische Transformation, in der kulturelle Zeichen ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren und neu kontextualisiert werden.

So macht er sichtbar, wie sehr „Heimat“ ein Assoziations- und Projektionsraum ist; offen für Aneignung, Ausgrenzung und Mythosbildung. Dabei spürt er behutsam der eigenen, der deutschen und der Identität der Betrachtenden nach, stiftet Irritation, provoziert, unterläuft – manchmal ironisch – Erwartungen und versucht, sich selbst sowie die Betrachtenden zu überraschen.

Auch das Werk Zapfen, ein überdimensionierter Tannenzapfen aus rostendem Stahl, der auf dem Union-Areal am Ende der Arkaden installiert ist, verweist auf Vertrautes, Wald, Natur, respektive darauf, was mit ländlicher Heimat verbunden wird. Doch Strumbel bricht diese Deutung gezielt auf: Das rohe Material, die industrielle gefertigte Oberfläche und absichtsvolle Übergröße verwandeln die verholzte Blüte des Nadelbaums in ein rätselhaftes Objekt. So wird der Zapfen zur „Mindbomb“ und zu einem räumlichen Erlebnis par excellence.

Der Titel der Arbeit spielt auf ein bekanntes Zitat von Albert Einstein an: „Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“ In diesem Sinne fungiert das Objekt als Sinnbild für die menschliche Fähigkeit zur Imagination und geistigen Beweglichkeit. Je nachdem, wie man den Zapfen betrachtet, kann er vieles sein: ein ruhiger Pol, Naturzeichen, ein Symbol kleinbürgerlichen Denkens, für Zeit (wie das Chronometer der Schwarzwalduhr) oder eine tickende Zeitbombe. Was er bedeutet, entscheidet die eigene Vorstellungskraft. Eine mögliche kulturelle Übersetzung findet sich in der Form der Kuckucksuhr, als Inbegriff der Schwarzwalduhr, wieder. Die Zeitmessung als grundlegender Parameter regelt das menschliche Zusammenleben und steuert es. Als Fortschreiten der Gegenwart – von der Vergangenheit kommend in die Zukunft beschrieben – erinnert der Verweis „die Uhr tickt“ daran, dass eine Unternehmung rechtzeitig getätigt werden sollte, um ein gesetztes Ziel zu erreichen oder andernfalls die Zeit verrinnt. Offen bleibt, was danach folgt.

Eindeutige Antworten werden von Strumbel nicht gegeben; stattdessen geht es um offene Lesarten und individuelle Deutungen. Die rostende Oberfläche verstärkt dabei die Vorstellung von Wandel, von Zeitlichkeit – nichts bleibt, wie es war.

Der Zapfen schafft als visueller Stimulus einen Raum unter sich, eine Schwelle zwischen Alltag und Reflexion. Wer hier verweilt, begegnet nicht nur einem Kunstwerk, sondern auch einer Einladung zum Nachdenken über Herkunft, Erinnerung, Zugehörigkeit und Vergänglichkeit.

o.T., 2017

Durch die Integration von Aluminiumobjekten und Bronzeskulpturen reduzierte Stefan Strumbel das Farbspektrum seines Oeuvres bewusst auf monochrome Kompositionen, deren Farbigkeit allein aus der Patinierung der Oberflächen entsteht.

Ein zentrales Motiv dieser Werkgruppe ist die in Luftpolsterfolie eingepackte Madonna, die auch auf dem Union-Areal installiert ist. Unweigerlich wird die Figur als Maria mit Kind identifiziert, obwohl die kunstvoll gefaltete Folie kein Gesicht erkennen lässt. Das vollständig verhüllte Antlitz entzieht sich jeder ikonografischen Lesbarkeit, der vermeintliche Inhalt bleibt dem Blick verborgen. Gerade diese unmittelbare Identifikation verweist auf eine tief verankerte kulturelle Prägung: Selbst dort, wo ikonografische Merkmale fehlen, lesen wir Formen anhand tradierter, historisch gewachsener religiöser Bildvorstellungen.

In dieser Arbeit wird die Verpackung selbst zur dauerhaften Hülle und zum eigentlichen Bildträger. Die Madonna wird nicht zerstört, sondern konserviert, geschützt und zugleich dem direkten Zugriff entzogen. Die Luftpolsterfolie – ein billiges und massenhaft verbreitetes Verpackungsmaterial – verleiht der Figur ein Moment von Geheimnis und Ambivalenz. Ob sie Schutz oder Isolation symbolisiert, bleibt bewusst offen. Die Betrachtenden werden so zu Konsumenten, die mit kindlicher Neugierde immer neue Pakete öffnen möchten – ein Begehren, das hier gezielt frustriert wird. Das Auspacken bleibt unmöglich.

Auf diese Weise wird die religiöse Ikone zu einem Objekt zwischen Fetisch und Readymade. In Anlehnung an Marcel Duchamps Konzept des objet trouvé erhebt Strumbel ein Fragment aus dem musealen und ökonomischen Alltag – die Verpackung – zum zentralen Bedeutungsträger. Die verhüllte Madonna bleibt ein Bild des Dazwischen: zwischen Sichtbarkeit und Entzug, Verehrung und Profanisierung, Glaube und Ware. Gerade in dieser Spannung entfaltet die Arbeit ihre nachhaltige Irritation.

Über die Künstler:in

Der Künstler Stefan Strumbel (*1979 in Offenburg) entdeckte Anfang der 1990er-Jahre seine Leidenschaft für den öffentlichen Raum und die Graffitiszene. Mit Beginn seiner Karriere als freischaffender Künstler im Jahr 2001 setzte sich „Heimat“ als Leitthema durch. Er überzeichnet Kultur- und Kultgegenstände wie Kuckucksuhren, Holzmasken oder Kruzifixe mit Stilelementen der Street- und Pop-Art und stellt sie in einen neuen, teils provokanten Kontext. Mit seinen transformierten Objekten gelingt es Strumbel, eine illusionäre Welt zu präsentieren, die die realen Missstände der Gesellschaft widerspiegelt. Aluminiumobjekte und Bronzeskulpturen markieren eine neue Richtung in seinem Schaffensprozess. Strumbel nahm an zahlreichen Kunst-am-Bau-Projekten teil. Beispielsweise gestaltete er 2011 den Innenraum der katholischen Kirche Maria, Hilfe der Christen in Goldscheuer neu. Neben zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen, wie „Heimat“ im Kunstverein Hamburg oder „Holy Heimat“ im Badischen Landesmuseum Karlsruhe im Jahr 2012 folgten 2020 „Forest Bathing / Biophilia“ bei Ruttkowski;68 in Paris und 2022 „Wonderwalls“ im NRW-Forum in Düsseldorf. Für die Oper Stuttgart entwarf der Künstler das Bühnenbild für die Neuinszenierung von „La Bohème“ und für das Badische Staatstheater Karlsruhe das für die Produktion „Die neuen Todsünden“. Zu seinen Sammlern zählen beispielsweise Karl Lagerfeld oder Hubert Burda.

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