Harnack Arvid
Hoffnungsträger
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PORTRAIT
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Ein Widerstandsnetzwerk, das sich selbst nie so nannte.
Personenbeispiel von:
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„Mir geht es ausgezeichnet. Ich habe mich verlobt. Die Sache ist insofern höchst komisch, da ich kaum englisch und Mildred nicht deutsch kann. Entschieden war die Sache, als ich sie das zweite Mal sah, geregelt ist die Sache seit gestern.“
Arvid Harnack
Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Arvid Harnack wächst in einer Gelehrtenfamilie auf und schließt sich nach dem kriegsbedingten Notabitur 1919 einem Freikorps an. Ein Rockefeller-Stipendium ermöglicht dem Juristen von 1926 bis 1928 ein Studium in Madison/Wisconsin. Dort lernt er seine Frau Mildred kennen. 1931 promoviert Harnack in Gießen über die vormarxistische Arbeiterbewegung in den USA. Mit einer Delegation der von ihm mitbegründeten Gesellschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft (ARPLAN) reist er im Sommer 1932 in die Sowjetunion. Nach 1933 beginnt Harnack einen Schulungszirkel aufzubauen, dem zunächst junge Arbeiter, später der Schriftsteller Adam Kuckhoff, seine Frau Greta Kuckhoff, zeitweilig der religiöse Sozialist und ehemalige preußische Kultusminister Adolf Grimme, der Unternehmer Leo Skrzypczynski und andere angehören.
Harnack will die Beteiligten befähigen, sich mit den politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, und sie für die Zeit nach dem Sturz des NS-Regimes vorbereiten. Er verbreitert seine Kontakte zu gegenüber dem NS-Regime kritisch eingestellten Mitarbeitern aus Regierungsstellen. In Gesprächen mit Vertretern der amerikanischen und sowjetischen Botschaft vermittelt Harnack Einschätzungen der politischen und wirtschaftlichen Situation in Deutschland. Seit 1935 im Amerikareferat des Wirtschaftsministeriums tätig, wird er 1937 Mitglied der NSDAP und avanciert bis 1942 zum Oberregierungsrat.
Seit 1940 kooperiert Harnack mit Harro Schulze-Boysen, den er 1935 kennengelernt hat. Sie informieren Anfang 1941 einen Angehörigen der sowjetischen Botschaft über die Vorbereitungen des militärischen Angriffs auf die Sowjetunion. Anfang 1942 erarbeitet Harnack die Studie „Das nationalsozialistische Stadium des Monopolkapitals“, die in Berliner und Hamburger Widerstandskreisen zirkuliert. Harnack wird am 7. September 1942 verhaftet, am 19. Dezember vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und auf Befehl Hitlers am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee ermordet.
© Gedenkstätte Deutscher Widerstand
- 1990 wurde am Wohnhaus von Mildred und Arvid Harnack in Berlin-Neukölln eine Gedenktafel enthüllt. 2002 folgte am Geburtshaus Arvid Harnacks in Darmstadt (Hochstraße 68) eine weitere Gedenktafel.
- Am 20. September 2013 wurden vor dem Haus Genthiner Straße 14 in Berlin-Tiergarten in Anwesenheit des US-Botschafters John B. Emerson Stolpersteine für Mildred und Arvid Harnack verlegt.

Berlin-Neukölln, Hasenheide 61
- Axel von Harnack: Arvid und Mildred Harnack. Erinnerungen an ihren Prozess 1942/43.
In: Die Gegenwart, 2, 1947, S. 15-17. - Shareen Brysac: The American Connection. In: H. Coppi, J. Danyel, J. Tuchel (Hrsg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Berlin 1994.
- Johannes Tuchel: „… wenn man bedenkt, wie jung wir sind, so kann man nicht an den Tod glauben.“ Liane Berkowitz, Friedrich Rehmer und die Widerstandsaktionen der Berliner Roten Kapelle. Berlin 2022.
Podcast Rote Kapelle. Auf einem Spaziergang durch Berlin lernen Sie die Geschichte der legendären Widerstandsgruppe kennen. Ein Projekt von Stefan Roloff, produziert von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und When 6 is 9 Productions GmbH. Deutsch, Englisch und Spanisch.
Auszug aus dem letzten Brief von Arvid Harnack an seinen Frau Mildred
14. Dezember 1942
Am Weihnachtsabend werden wir um 7 in Gedanken gemeinsam feiern.
Mein innig geliebtes Herz – wenn ich in den vergangenen Monaten die Kraft hatte, innerlich ruhig u. gefasst zu sein, und wenn ich den kommenden Dingen ruhig u. gefasst entgegensehe, so verdanke ich dies vor allem dem, dass ich mich mit dem Guten u. Schönen in dieser Welt verbunden fühle, u. dass ich das Gefühl, das aus dem Dichter Whitman singt, der ganzen Erde gegenüber habe. Soweit Menschen in Frage kommen, waren es die mir Nahestehenden und vor allem Du, die mir dieses beides verkörpern.
Trotz allem Schweren sehe ich auf mein bisheriges Leben gerne zurück. Das Leichte überwog das Dunkele. Und dafür war grossen Teils unsere Ehe der Grund. Ich habe mir in der letzten Nacht viele der schönen Augenblicke in unserer Ehe durch den Kopf gehen lassen, und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurden es. Es war, als ob ich in einen Sternenhimmel sah, bei dem ja auch die Zahl der Sterne ständig wächst, je genauer man hinsieht […].“
Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Abschiedsbrief von Arvid Harnack an seine Familie – Auszug
22. Dezember 1942
Meine Lieben –
In den nächsten Stunden scheide ich aus dem Leben. Ich möchte Euch noch einmal für alle Liebe danken, die Ihr mir erwiesen habt, gerade auch in der letzten Zeit. Der Gedanke an sie hat mir alles Schwere leicht gemacht. So bin ich ruhig und glücklich.
Auch denke ich an die gewaltige Natur, mit der ich mich so verbunden fühle. Heute Morgen habe ich laut vor mir hingesagt: „Die Sonne sinkt in alter Weise …“ Vor allem aber denke ich daran, dass die Menschheit sich im Aufstieg befindet. (…).
Eine besondere Freude war mir zu erfahren, dass es in der nächsten Familie voraussichtlich bald eine Verlobung gibt. Ich möchte gerne, dass mein Siegelring, der von meinem Vater stammt, an E. fällt. Sein Siegelring kann dann L. erhalten. (…). Heute Abend werde ich noch eine kleine Vorweihnachtsfeier veranstalten, in der ich mir die Weihnachtsgeschichte vorlese. (…).
Gerne hätte ich Euch alle noch einmal gesehen, aber das geht nun leider nicht. Meine Gedanken sind aber bei Euch allen, und ich umarme jeden Einzelnen; das muss jeder fühlen, besonders Mutter.
Seid alle noch einmal umarmt und geküsst
von Eurem Arvid.
Weihnachten müsst Ihr richtig feiern. Das ist mein letzter Wille. Singt dann auch: „Ich bete an die Macht der Liebe.“
Bundesarchiv 2506/2 – Mildred und Arvid Harnack – Materialsammlung
„Mir geht es ausgezeichnet. Ich habe mich verlobt. Die Sache ist insofern höchst komisch, da ich kaum englisch und Mildred nicht deutsch kann. Entschieden war die Sache, als ich sie das zweite Mal sah, geregelt ist die Sache seit gestern.“
Ardi Goldman Kunst-
und Kulturstiftung gGmbH
Uniongelände
Hanauer Landstraße 188, 60314 Frankfurt am Main