Coppi Hilde
Hoffnungsträger
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PORTRAIT
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Ein Widerstandsnetzwerk, das sich selbst nie so nannte.
Personenbeispiel von:
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„Im Berliner Frauengefängnis an der Barnimstraße verbrachte ich die ersten acht Monate meines Lebens. Geblieben ist ein Gefühl von Geborgenheit, manchmal erscheint es mir, als ob es die beste und behütetste Zeit meines Lebens gewesen sei.“
Hans Coppi Junior
Hilde Rake wächst in Berlin-Mitte auf. Ihre Mutter hat einen kleinen Laden für Lederwaren. Nach dem Besuch eines Lyzeums und einer höheren Handelsschule arbeitet sie in den dreißiger Jahren als Sprechstundenhilfe und seit 1939 als Sachbearbeiterin bei der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte. Während des Besuchs der Volkshochschule freundet sie sich 1933 mit kommunistischen Jugendlichen an. Ihr jüdischer Freund Franz Karma muss 1939 nach Skandinavien emigrieren. Im Juni 1941 heiratet sie Hans Coppi, mit dem sie seit 1939 eng befreundet ist.
Sie unterstützt dessen Widerstandsaktivitäten und beteiligt sich an der Zettelklebeaktion gegen die antisowjetische Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ im Berliner Lustgarten. Mehrfach informiert sie Angehörige von deutschen Kriegsgefangenen über deren Lebenszeichen, die der Moskauer Rundfunk ausstrahlt.
Am 12. September nimmt die Gestapo Hans und Hilde Coppi sowie ihre Mutter, ihre Schwiegereltern und ihren Schwager fest.
Ende November 1942 wird ihr Sohn Hans im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße geboren. Das Reichskriegsgericht verurteilt Hilde Coppi am 20. Januar 1943 zum Tode. Nachdem Hitler ein Gnadengesuch im Juli 1943 ablehnt, wird sie am
5. August 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
© Gedenkstätte Deutscher Widerstand
- In Berlin-Tegel erinnern Stolpersteine vor der Kleingartenanlage „Am Waldessaum“, Seidelstraße 23, an Hans und Hilde Coppi. Eine Gedenktafel für das Ehepaar befindet sich ebenfalls im Kleingartenverein, 5. Weg, Nr. 107, und wurde
am 12. September 1954 angebracht. - In Berlin tragen ein Gymnasium und eine Straße ihren Namen. In Leipzig-Gohlis erinnern zudem die Coppistraße, der Coppi-Platz und die Coppi-Lichtspiele an das Paar.
- Weitere Erinnerungsorte sind der Hilde-Coppi-Weg in Oranienburg-Lehnitz, ein Hort in Freiberg, ein Kinderheim in Brandenburg an der Havel und eine Jugendherberge in Jonsdorf.
- Am 6. Oktober 1969 wurde Hilde Coppi postum mit dem Orden des Vaterländischen Krieges II. Klasse durch das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR ausgezeichnet.
- Elfriede Brüning: Damit Du weiterlebst. Stuttgart 1992.
- Claudia von Gélieu: Frauen in Haft – Gefängnis Barnimstraße. Berlin 19
- Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand (Hrsg.):
Johannes Tuchel: „… wenn man bedenkt, wie jung wir sind, so kann man nicht an den Tod glauben.“
Liane Berkowitz, Friedrich Rehmer und die Widerstandsaktionen der Berliner Roten Kapelle. Berlin 2022.
- Verräterkinder – Die Töchter und Söhne des Widerstands. Dokumentation. Regie: Christian Weisenborn.
Deutschland 2014. - In Liebe, Eure Hilde. Spielfilm. Regie: Andreas Dresen. Deutschland 2024.
Podcast Rote Kapelle. Auf einem Spaziergang durch Berlin lernen Sie die Geschichte der legendären Widerstandsgruppe kennen. Ein Projekt von Stefan Roloff, produziert von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und When 6 is 9 Productions GmbH. Deutsch, Englisch und Spanisch.
Brief von Hilde Coppi an ihre Mutter – Auszug
Berlin-Plötzensee, den 5. August 1943
Meine Mutter,
meine herzgeliebte Mutti!
Nun ist es bald soweit, daß wir Abschied nehmen müssen, für immer. Das Schwerste, die Trennung von meinem kleinen Hans, habe ich hinter mir. Wie glücklich hat er mich gemacht! Ich weiß ihn gut aufgehoben in Deinen treuen lieben Mutterhänden, und um seinetwillen, Mutti, versprich es mir, bleibe tapfer. Ich weiß, daß Dir das Herz brechen möchte, aber nimm es fest, ganz fest in Deine beiden Hände, Du wirst es schaffen, wie Du es immer geschafft hast, mit dem Schwersten fertig zu werden, nicht wahr, Mutti? Der Gedanke an Dich und an das Herzeleid, das ich Dir zufügen muß, war und ist mir der unerträglichste, daß ich Dich allein lassen muß, in dem Alter, wo Du mich am nötigsten brauchst. Kannst Du mir das je, jemals verzeihen?
Als Kind, weißt Du, wenn ich immer so lange wach lag, beseelte mich der eine Gedanke: vor Dir sterben zu dürfen. Und später hatte ich den einen Wunsch, der mich ständig bewußt und unbewußt begleitete: ich wollte nicht, ohne ein Kind zur Welt gebracht zu haben, sterben. Siehst Du, diese beiden großen Wünsche haben sich erfüllt, also somit mein Leben. Ich gehe nun zu meinem großen Hans. Der kleine Hans hat – so hoffe ich – das Beste von uns als Erbe mitbekommen. Und wenn Du ihn an Dein Herz drückst, ist Dein Kind immer bei Dir, viel näher, als ich Dir sein kann. – Der kleine Hans – so wünsche ich – soll hart und stark werden mit einem offenen, warmherzigen, hilfsbereiten Herzen und dem grundanständigen Charakter seines Vaters. Wir haben uns sehr, sehr liebgehabt, und Liebe leitete unser Tun.
(…). Meine Mutter, meine gute, einzige Mutter, und mein kleines Hänschen, all meine Liebe ist immer ständig um Euch. Bleibt tapfer, wie ich es auch sein will.
Immer Deine Tochter Hilde
© Bundesarchiv DY 30-38234
„Im Berliner Frauengefängnis an der Barnimstraße verbrachte ich die ersten acht Monate meines Lebens. Geblieben ist ein Gefühl von Geborgenheit, manchmal erscheint es mir, als ob es die beste und behütetste Zeit meines Lebens gewesen sei.“
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