Berkowitz Liane
Hoffnungsträger
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PORTRAIT
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Ein Widerstandsnetzwerk, das sich selbst nie so nannte.
Personenbeispiel von:
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„ … wenn man bedenkt, wie jung wir sind, so kann man nicht an den Tod glauben. Mir scheint manchmal alles nur wie ein schrecklicher Traum, aus dem ich jeden Moment erwachen muss. Leider ist es die raue Wirklichkeit. Ich habe früher nie geglaubt, dass das Leben so schwer ist ...“
Liane Berkowitz, Februar 1943
Liane Berkowitz wird am 7. August 1923 in Berlin als Tochter des aus der Sowjetunion geflohenen russischen Kapellmeisters Viktor Wasiljew geboren. Nach dem Tode ihres Vaters wird sie 1930 von Henry Berkowitz adoptiert, der nach seiner Ehescheidung 1939 ins Ausland emigriert. Liane Berkowitz spricht fließend Russisch und besucht die Heilsche Abendschule. Sie lernt Fritz Thiel und ihren späteren Verlobten Friedrich Rehmer kennen, mit denen sie an den Gesprächen bei John und Eva Rittmeister teilnimmt. Liane Berkowitz beteiligt sich mit Otto Gollnow an der Zettelklebeaktion vom 17./18. Mai 1942 gegen die antisowjetische Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“. Am 26. September 1942 wird sie festgenommen und am 18. Januar 1943 vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt. Im Berliner Frauenstrafgefängnis Barnimstraße bringt sie am 12. April 1943 ihre Tochter Irene zur Welt. Sie wird ab Juli 1943 von der Großmutter betreut und fällt im Oktober 1943 vermutlich einer NS-Krankenmordaktion im Krankenhaus Eberswalde zum Opfer. Liane Berkowitz wird am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee ermordet.
Zuvor hat Adolf Hitler am 21. Juli 1943 persönlich die Gnadensuche von 17 Mitgliedern der Berliner Roten Kapelle abgelehnt. Selbst das Reichskriegsgericht hat ihm empfohlen, die 22-jährige Keramikerin Cato Bontjes van Beek und die 19-jährige Schülerin Liane Berkowitz zu begnadigen. Hitler lehnt dies ausdrücklich ab und lässt seine Entscheidung vom Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, gegenzeichnen.
© Gedenkstätte Deutscher Widerstand
- Im Hof der Berliner Humboldt-Universität im Ortsteil Mitte (Unter den Linden 6) erinnert ein Gedenkstein an Liane Berkowitz.
- In Berlin-Schöneberg, an ihrem Wohnort am Viktoria-Luise-Platz 1, befindet sich zudem eine Gedenktafel.
- Am 18. Januar 2000 wurde im Berliner Ortsteil Friedenau der Liane-Berkowitz-Platz eingeweiht.
- Anlässlich ihres 100. Geburtstages und ihres 80. Todestages fand vom 29. Juni bis 8. Juli 2023 im Ökumenischen Gedenkzentrum Plötzensee eine Gedenkwoche unter dem Titel „10 Tage für Lanka und Remus“ statt.

Gedenktafel: Berlin-Schöneberg, Viktoria-Luise-Platz 1. CC BY-SA 3.0 © Doris Antony
- Regina Griebel, Marlies Coburger, Heinrich Scheel: Erfasst? Das Gestapo-Album zur Roten Kapelle. Eine Foto-Dokumentation. Halle 1992.
- Johannes Tuchel: Motive und Grundüberzeugungen des Widerstandes der Harnack/Schulze-Boysen-Organisation – Zum Denken und Handeln von Liane Berkowitz. In: Kurt Schilde (Hrsg.): Eva-Maria Buch und die „Rote Kapelle“. Erinnerungen an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Berlin 1993, S. 93 ff.
- Johannes Tuchel: „… wenn man bedenkt, wie jung wir sind, so kann man nicht an den Tod glauben.“ Liane Berkowitz, Friedrich Rehmer und die Widerstandsaktionen der Berliner Roten Kapelle. Berlin 2022.
Podcast Rote Kapelle. Auf einem Spaziergang durch Berlin lernen Sie die Geschichte der legendären Widerstandsgruppe kennen. Ein Projekt von Stefan Roloff, produziert von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin und When 6 is 9 Productions GmbH. Deutsch, Englisch und Spanisch.
Abschiedsbrief an ihre Mutter – Umschrift
05. August 1943
Meine einzige teure Mamotschka! Es ist aus. Heute, wenn es dunkel geworden sein wird, lebt deine Lanka nicht mehr. Mein Trost und meine Hoffnung ist meine kleine Irka, die ja Gott sei Dank keine Ahnung hat von allem, was um sie vorgeht.“
Mamico, Du warst mir die beste Mutter von der Welt. Alles, was man nur tun konnte, hast Du für mich getan und ich danke Dir. Verzeih mir meinen Tod, verzeih mir jede Kränkung, die ich Dir zugefügt, jedes hässliche Wort, ich bitte Dich, ich flehe Dich an. Kröne Dein Werk als Mutter und sei stark!!! Bleibe gesund und am Leben, lebe für meine Irka, die als Vollwaise in der Wiege liegt. Beschütze sie, behüte sie, liebe sie, lebe für sie. Durch Dich sterbe ich in der festen Überzeugung, dass meine Süße in guter Hut ist. Du wirst den letzten Wunsch Deines sterbenden Kindes erfüllen. Erzieh Irka zu einem klugen, tüchtigen Menschen, lasse sie so viel wie möglich lernen. Lehre sie unerschütterlich an Gott zu glauben und an Gottes ewige Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Sie soll das Andenken ihrer Eltern lieben und achten. Lasse sie in der griechisch-orthodoxen Kirche taufen. Hebe meine Haarlocke, Photo und Briefe von Remus, meine Bücher und Kleinigkeiten gut für sie auf. Meine Kleider verteile zwischen Vera und Gerda. An Frau Rehmer meine herzlichen Grüße und Küsse. Sie soll gut für Irka sorgen. Dies war ja auch der letzte Wunsch ihres Sohnes, wie sie in seinem letzten Brief an mich lesen kann. An Onkel Mitja, Ira, Serjosha, Tante Lena, Vera, Tante Jenny und alle, alle meine Freunde meine letzten besten Grüße und die Bitte, in der Stunde der Not sich Irkas anzunehmen. Ich glaube an Gott, an das ewige Leben und daran, dass wir uns wiedersehen werden. Ich werde im Jenseits für Dich und für Irotschka beten und euch beschützen. Ich bin ruhig und gefaßt und ich fürchte mich nicht vor dem Tode. Alles, worauf ich durch Verfügungen von Henry Berkowitz Anspruch hatte, hinterlasse ich an Ira, mit der Bitte, dass Du das verwaltest, außerdem bestimme ich Dich (und im Falle Dir etwas zustößt, Frau Rehmer und Dr. Dmitri Jewsiejenko) zu Iras Vormund. Die letzten Monate, besonders die Zeit seit der Trennung von Ira waren mir unerträglich schwer und ich freue mich einesteils, dass diese Quälerei jetzt bald zu Ende ist. Gott war mir sehr gnädig. Er hat mich alles erfahren lassen, was eine Frau erfahren kann: Er hat mir ein Kind gegeben. Ich bin wenigstens, wenn auch nur kurze Zeit, Mutter gewesen, und dies ist das Schönste, was es gibt. Nochmals, Mamico, sei stark, sei tapfer, liebe Dein Kind und lebe für Irka. Jetzt wende ich meine Gedanken und Sinne Gott zu und bereite mich vor zu Christus zu gehen in Vertrauen auf Seine Liebe und Gnade. Ich bekreuzige Dich und Ira. Nimm Ira zu sich [soll heißen: zu Dir], sobald die Bombengefahr vorüber, damit sie ein Heim hat und eine so schöne Kindheit wie ich. Ich küsse und knutsche meine Irka und ihre süßen Händchen und Füßchen. Ich umarme, grüße, küsse Dich zum letzten Mal, küsse Deine Hände und empfange Deinen Segen
Deine ruhige, unglückliche Lanka
© Yad Vashem Collections 0-48-43-3;20
„ … wenn man bedenkt, wie jung wir sind, so kann man nicht an den Tod glauben. Mir scheint manchmal alles nur wie ein schrecklicher Traum, aus dem ich jeden Moment erwachen muss. Leider ist es die raue Wirklichkeit. Ich habe früher nie geglaubt, dass das Leben so schwer ist ...“
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