Schottmüller Oda
Hoffnungsträger
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PORTRAIT
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Ein Widerstandsnetzwerk, das sich selbst nie so nannte.
Personenbeispiel von:
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„Zwar verrückt - aber ich werde mir heut noch mal die Haare mit eigenen Locken wickeln, etsch. Dann werde ich genießen, eine große Schachtel Pralinen... Ich sterbe mit gutem Gewissen. Ob das unsere Herren Richter von sich auch einmal sagen können?“
Die letzten Worte von Oda Schottmüller
Quelle: Geertje Andresen: "Oda Schottmüller", Die Tänzerin, Bildhauerin und Nazigegnerin, 1905-1943. Berlin 2006.
Oda Schottmüller wurde 1905 in Posen geboren. Nach dem Abitur an der reform-pädagogischen Odenwaldschule absolviert sie ab 1923 eine kunsthand¬werkliche Ausbildung in Pforzheim und in Frankfurt am Main. Ab 1929 studiert sie in Berlin bei Milly Steger Bildhauerei und nimmt zeitgleich Tanzunterricht bei Berthe Trümpy und Vera Skoronel. Ihr erstes Bildhauer¬atelier bezieht sie 1931 in der Malschule von Johannes Itten. Hier führt sie ihre beiden Berufe im Maskentanz zusammen und entwickelt eine eigene Tanzästhetik, mit der sie ab 1934 regelmäßig solistisch auftritt und große Erfolge feiert.
Ihre Beziehung zu dem kommunistischen Bildhauer Kurt Schumacher bringt sie Ende der 1930er-Jahre in Kontakt mit dem Widerstandskreis um Harro Schulze-Boysen, in dem u. a. freimütig künstlerische und politische Fragen diskutiert und Aktionen gegen die Nazi-Diktatur vorbereitet werden.
Am 16. September 1942 wird Oda Schottmüller in ihrem Atelier in Berlin fest¬genom¬men. Die Gestapo ordnet sie dem Fahndungs¬komplex „Rote Kapelle“ zu und wirft ihr vor, ihr Atelier für Funkversuche zur Verfügung gestellt zu haben. Obwohl dieser Vorwurf nicht bewiesen werden kann, verurteilt das Reichskriegs¬gericht sie zum Tode. Sie wird am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee enthauptet.
Ihr Leichnam wird der Anatomie der Charité zu Forschungs¬zwecken übergeben. Ein Grab für sie gibt es nicht. Heute erinnern u. a. in Berlin ein Stolperstein vor ihrem letzten Atelier in der Reichsstraße 106 und ein Gedenkstein auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Schöneberg an die Künstlerin.
© Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Frauen im Widerstand 1933-1945.
- 1969 wurde Oda Schottmüller postum mit dem sowjetischen Orden des Roten Sterns ausgezeichnet.
- Im November 2014 erfolgte in Hamburg-Eppendorf die Umbenennung der Schottmüllerstraße, die zuvor nach dem Bakteriologen und NSDAP-Mitglied Hugo Schottmüller benannt war, nach ihr.
- Am 23. September 2016 wurde vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in der Reichsstraße 106 in Berlin-Charlottenburg ein Stolperstein verlegt.
- Am 25. August 2019 schließlich enthüllte man auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg einen Gedenkstein für Oda Schottmüller.
- Geertje Andresen: Die Tänzerin, Bildhauerin und Nazigegnerin Oda Schottmüller 1905–1943. Berlin 2005. Die Publikation ist zugleich Begleitbuch zur Oda-Schottmüller-Ausstellung (16.11.2006 – 21.01.2007) des Deutschen Tanzarchivs Köln und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.
- Geertje Andresen: Wer war Oda Schottmüller? Zwei Versionen ihrer Biographie und deren Rezeption in der alten Bundesrepublik und in der DDR, Berlin 2012.
Abschiedsbrief an ihre Mutter – Auszug
05. August 1943
Mein lieber kleiner Teo!
Nun haben wir uns nicht mehr sehen können + ich muß Dir auf diese Weise Lebewohl sagen. Sei tapfer, denk daran, daß Du wieder eine gute Zeit erleben wirst. Du hast mir immer in den letzten Jahren so zur Seite gestanden + mir durch Deine treue Hilfe soviel ermöglicht, daß ein Danksagen fast unmöglich ist. Aber Du weißt es selbst am besten + wirst Dich immer daran erinnern: was ich künstlerisch erreicht habe, war in den schwersten Übergangsjahren nur durch den Rückhalt möglich, den ich immer wieder an Dir hatte. Daß jetzt alles aus [ist] – liegt eben in meiner Linie – ich hab nie alt werden wollen – langsam Verkalken ist bestimmt nicht schön. Die letzten Monate waren recht schwierig für mich – besonders das Abgeschnittensein von der eigentlichen Arbeit wurde immer unerträglicher – aber das ist ja nun auch überstanden. (…).
Es bleibt sehr viel – vielleicht das Wichtigste – unausgesprochen zwischen uns – es ist besser so.
Sei innig umarmt + geküßt,
meine liebe Mutti,
von Deiner Oda
Quelle: EMPORE Antkriegsmuseum „Der kleine Soldat“ und Archiv Susanne und Dieter Kahl. Umschrift – Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Frauen im Widerstand 1933-1945.
„Zwar verrückt - aber ich werde mir heut noch mal die Haare mit eigenen Locken wickeln, etsch. Dann werde ich genießen, eine große Schachtel Pralinen... Ich sterbe mit gutem Gewissen. Ob das unsere Herren Richter von sich auch einmal sagen können?“
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