Der Kunstparcours

Kopf, 2022

Eisenguss und Stahlsockel  | Skulptur 58 x 46 x 124 cm | Stahlsockel 70 x 70 x 40 cm

Jedes Material ist eine Herausforderung, egal, ob es ein sechs Meter hoher Baumstamm oder ein Stück Papier ist.  

Klaus Prior lebt und arbeitet in Lugano und Kißlegg/Westallgäu, CH.
*1945 in Wesel, DE

EDUCATION

Malerei an der Kunstgewerbeschule St. Gallen, St. Gallen

Ein Blick hinter das Werk

Der „Kopf“ von Klaus Prior steht nicht allein.Er ist Teil eines stillen Triptychons aus Skulptur, Wort und Natur: der bronzene Denker, die Stele mit Goethes Ginkgo-Gedicht und der gewachsene Ginkgobaum selbst.Was einst als kleiner Baum gepflanzt wurde, erhebt sich heute mächtig über den Platz – als lebendige Zeitspur, als Erinnerung daran, dass Gedanken Wurzeln schlagen können.

Die dunkle, schwarz-grüne Patina der Bronze wirkt wie gealterte Zeit.Dabei trägt die Figur noch immer die Spuren ihres Ursprungs in sich: die rohe Kraft der Säge, die Schnitte des Holzes, die sichtbaren Verletzungen der Bearbeitung.Der Kopf erscheint nicht idealisiert, sondern durchlebt – wie ein Gesicht, das Denken nicht versteckt, sondern in Furchen eingeschrieben trägt.

In seiner Stille erinnert er an jene großen Stimmen der deutschen Romantik und Aufklärung: an Goethe, Schiller, Kleist oder Büchner – an Dichter und Denker, die das Menschsein zwischen Freiheit, Schmerz und Verantwortung befragten.Vielleicht liegt darin die eigentliche Nähe zum Ginkgo.Denn Goethes Gedicht beschreibt das Doppelwesen eines Blattes, das zugleich eins und zwei ist – Sinnbild für Einheit und Gegensätze, für Wandel und Beständigkeit.

Auch Priors „Kopf“ lebt aus diesem Spannungsfeld.Er wirkt zugleich schwer und wach, verletzlich und unbeugsam, vergangen und gegenwärtig.Wie Michel Kohlhaas oder Werther trägt er jene romantische Unruhe in sich, den Widerstand des inneren Menschen gegen Erstarrung und Vergessen.

So wird dieser Ort zu mehr als einem Platz mit Skulptur und Baum.Er wird zu einem Denkraum über Zeit, Geist und Vergänglichkeit – und über die leise Unsterblichkeit menschlicher Gedanken.

Über die Künstler:in

Klaus Priors künstlerische Arbeit entsteht ohne vorbereitende Skizzen oder Modelle. Seine Skulpturen ebenso wie seine Arbeiten auf Leinwand und Papier werden, je nach Größe, oft in einem einzigen, konzentrierten Arbeitsgang realisiert. Spontaneität und Verdichtung bestimmen den Prozess. In einer Form psychischen Automatismus’ visualisiert Prior seine jeweilige innere Befindlichkeit. Die Werke spiegeln rohe, intuitive Empfindungen und unmittelbare emotionale Zustände.

Mit spontan gewählten Farben, impulsiven Gesten und rasch gesetzten Pinselstrichen entwickelt der Künstler aus innerer Notwendigkeit die Silhouetten seiner Motive. Das Überschreiten von Formgrenzen, die bewusste Überbetonung von Köpfen, Gesichtern, Gliedmaßen oder Gesten sowie die sichtbar belassenen Arbeitsspuren sind zentrale Stilmittel. Sie fungieren als Manifestationen des momentanen Ausdrucks und verleihen den Arbeiten ihre eindringliche Präsenz.

Bildhauerisch arbeitet Prior vornehmlich mit Holz, einem der ältesten Werkstoffe der Kunst. Auch seine Eisenplastiken gehen auf Holzskulpturen zurück. Er verzichtet konsequent auf erzählerische Kontexte, auf Attribute oder gegenständliche Hinweise, die seine Figuren in episodische Zusammenhänge einbinden könnten. Die Gestalten stehen für sich – existenziell, verletzlich, isoliert.

Priors Kunst ist tief geprägt von den Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland, von der Wahrnehmung menschlicher Geworfenheit und Zerbrechlichkeit sowie von den Lebensrealitäten einer multinational geprägten industriellen Arbeiterkultur. Seine Bilder und Skulpturen sprechen von Schmerz, Verwundung und Vereinzelung als wiederkehrenden Grundbedingungen menschlicher Existenz.

Als Angehöriger der Nachgeborenen verweigerte sich Prior der Verdrängung und Schuldabwehr der Tätergeneration. Der Einberufung zum Wehrdienst im westdeutschen Wirtschaftswunderland entzog er sich durch die Emigration in die Schweiz. Dort verfolgte er aufmerksam den Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main und setzte sich als schuldlos Geborener intensiv mit dem deutschen Menschheitsverbrechen auseinander.

Dieses historische Bewusstsein und die Auseinandersetzung mit der Philosophie nach Auschwitz bilden ein fundamentales Fundament seines Denkens und Schaffens. Priors Werk ist Ausdruck eines existenziellen Ringens um Erinnerung, Verantwortung und die fragile Würde des Menschen.

© Stefan Gröpper Photography / Marie Ruck

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