Prior Die Umschlungen, 2013-2014
Der Kunstparcours
Die Umschlungen, 2013-2014
Jedes Material ist eine Herausforderung, egal, ob es ein sechs Meter hoher Baumstamm oder ein Stück Papier ist.
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Ein Blick hinter das Werk
Der Künstler Prior hat einen Golem erschaffen, obgleich der Schöpfer, wie es der Legende nach der Fall zu sein hätte, keineswegs nah zu Gott ist. Prior, ganz und gar säkular, kommt wohlweislich ohne Gott aus. Er hat aber ein Wesen geschaffen, das in seiner Mehrdeutigkeit dem Menschen beistehen kann. Der Mensch braucht Beistand gegen die unter ihm weilenden Menschenfeinde.
Nach der Golem-Legende erschaffen weise und gelehrte Rabbis die Figur aus Lehm. Sie hauchen ihr Leben ein. Golem soll die Juden vor der drohenden Vernichtung retten. Im vergangenen Jahrhundert freilich fehlte Golem. Er war nicht da und wurde auch von niemandem erschaffen, um die Juden Europas vor der Katastrophe zu bewahren.
Für Prior hat der Golem eine universelle Bedeutung. Vom Menschen erschaffen ist er eine Zwitterfigur. Er steht für das Rätsel, das der Mensch sich selbst ist. Mit Stanisław Lem weiß Prior, dass der Mensch ein Zufallsprodukt ist. Nichts Teleologisches eignet ihm, er ist auf keinen Zweck hin entstanden. Zufällig ist die Welt und auch der Mensch in ihr. Diese ganz und gar weltliche Sicht auf die Existenz des Menschen hebt aber seine Eigenverantwortung hervor. Wenn alles Menschenwerk ist, wenn alles in unseren Händen liegt, dann ist der Mensch das Subjekt der Geschichte. Ein Ausweg, in welche Sphäre auch immer, ist versperrt. Alle Transzendenz ist ausgeschlossen.
Ist der Mensch Menschenwerk, dann schafft der Menschenbildner Prior in seinem vor rund zehn Jahren entstandenen Golem ein Wesen, das uns Wächter und Retter, Helfer und Beschützer, aber auch Monster und Bösewicht sein kann.
Was der von Menschen erschaffene Golem uns ist, entscheidet einzig der Mensch. Ob er ihm zum Wohle oder zum Verderben gereicht, liegt in seiner, des Menschen Hand.
Über die Künstler:in
Klaus Priors künstlerische Arbeit entsteht ohne vorbereitende Skizzen oder Modelle. Seine Skulpturen ebenso wie seine Arbeiten auf Leinwand und Papier werden, je nach Größe, oft in einem einzigen, konzentrierten Arbeitsgang realisiert. Spontaneität und Verdichtung bestimmen den Prozess. In einer Form psychischen Automatismus’ visualisiert Prior seine jeweilige innere Befindlichkeit. Die Werke spiegeln rohe, intuitive Empfindungen und unmittelbare emotionale Zustände.
Mit spontan gewählten Farben, impulsiven Gesten und rasch gesetzten Pinselstrichen entwickelt der Künstler aus innerer Notwendigkeit die Silhouetten seiner Motive. Das Überschreiten von Formgrenzen, die bewusste Überbetonung von Köpfen, Gesichtern, Gliedmaßen oder Gesten sowie die sichtbar belassenen Arbeitsspuren sind zentrale Stilmittel. Sie fungieren als Manifestationen des momentanen Ausdrucks und verleihen den Arbeiten ihre eindringliche Präsenz.
Bildhauerisch arbeitet Prior vornehmlich mit Holz, einem der ältesten Werkstoffe der Kunst. Auch seine Eisenplastiken gehen auf Holzskulpturen zurück. Er verzichtet konsequent auf erzählerische Kontexte, auf Attribute oder gegenständliche Hinweise, die seine Figuren in episodische Zusammenhänge einbinden könnten. Die Gestalten stehen für sich – existenziell, verletzlich, isoliert.
Priors Kunst ist tief geprägt von den Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland, von der Wahrnehmung menschlicher Geworfenheit und Zerbrechlichkeit sowie von den Lebensrealitäten einer multinational geprägten industriellen Arbeiterkultur. Seine Bilder und Skulpturen sprechen von Schmerz, Verwundung und Vereinzelung als wiederkehrenden Grundbedingungen menschlicher Existenz.
Als Angehöriger der Nachgeborenen verweigerte sich Prior der Verdrängung und Schuldabwehr der Tätergeneration. Der Einberufung zum Wehrdienst im westdeutschen Wirtschaftswunderland entzog er sich durch die Emigration in die Schweiz. Dort verfolgte er aufmerksam den Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main und setzte sich als schuldlos Geborener intensiv mit dem deutschen Menschheitsverbrechen auseinander.
Dieses historische Bewusstsein und die Auseinandersetzung mit der Philosophie nach Auschwitz bilden ein fundamentales Fundament seines Denkens und Schaffens. Priors Werk ist Ausdruck eines existenziellen Ringens um Erinnerung, Verantwortung und die fragile Würde des Menschen.
Photos: © Stefan Gröpper Photography / Daniel Woeller
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