Prior Uscita
Der Kunstparcours
Uscita
"Jedes Material ist eine Herausforderung, egal, ob es ein sechs Meter hoher Baumstamm oder ein Stück Papier ist."
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Ein Blick hinter das Werk
Uscita“ – Ausgang, Exit – öffnet keinen eindeutigen Weg, sondern einen Raum der Deutung.Die bronzene Oberfläche, über Jahre von Regen, Luft und Zeit gezeichnet, trägt jene grüne Patina, die Bronze nicht altern lässt, sondern Erinnerung sichtbar macht.Wie eine Spur vergangener Berührungen liegt sie über dem Relief und verleiht der Figur etwas Entrücktes, beinahe Geistiges.
Erst beim längeren Betrachten beginnt sich aus der abstrakten Form ein menschliches Wesen zu lösen.Andeutungen eines Körpers treten hervor, Fragmente eines Kopfes, eines schwebenden Daseins zwischen Erscheinen und Verschwinden.Rechts und links öffnen sich Linien, die wie Flügel wirken – nicht klar ausgesprochen, sondern wie eine Erinnerung an etwas Himmlisches.
Vielleicht ist „Uscita“ die Gestalt eines Engels, der die Unsterblichkeit hinter sich gelassen hat, um Mensch zu werden.Ein Wesen zwischen Himmel und Erde, zwischen Sehnsucht und Verlust, zwischen Ewigkeit und Vergänglichkeit.Der Ausgang wird hier zugleich zum Eingang: ein Übergang aus dem Göttlichen in die Erfahrung des Menschseins.
So trägt das Werk eine stille spirituelle Spannung in sich, ohne religiös festgelegt zu sein.Es erzählt von Transformation, von Opfer und von jener uralten Hoffnung, im Menschlichen selbst Erlösung zu finden.Die Figur scheint nicht zu fallen und nicht zu steigen – sie schwebt in einem Zustand des Dazwischen, offen für jede Vorstellung des Betrachters.
Über die Künstler:in
Klaus Priors künstlerische Arbeit entsteht ohne vorbereitende Skizzen oder Modelle. Seine Skulpturen ebenso wie seine Arbeiten auf Leinwand und Papier werden, je nach Größe, oft in einem einzigen, konzentrierten Arbeitsgang realisiert. Spontaneität und Verdichtung bestimmen den Prozess. In einer Form psychischen Automatismus’ visualisiert Prior seine jeweilige innere Befindlichkeit. Die Werke spiegeln rohe, intuitive Empfindungen und unmittelbare emotionale Zustände.
Mit spontan gewählten Farben, impulsiven Gesten und rasch gesetzten Pinselstrichen entwickelt der Künstler aus innerer Notwendigkeit die Silhouetten seiner Motive. Das Überschreiten von Formgrenzen, die bewusste Überbetonung von Köpfen, Gesichtern, Gliedmaßen oder Gesten sowie die sichtbar belassenen Arbeitsspuren sind zentrale Stilmittel. Sie fungieren als Manifestationen des momentanen Ausdrucks und verleihen den Arbeiten ihre eindringliche Präsenz.
Bildhauerisch arbeitet Prior vornehmlich mit Holz, einem der ältesten Werkstoffe der Kunst. Auch seine Eisenplastiken gehen auf Holzskulpturen zurück. Er verzichtet konsequent auf erzählerische Kontexte, auf Attribute oder gegenständliche Hinweise, die seine Figuren in episodische Zusammenhänge einbinden könnten. Die Gestalten stehen für sich – existenziell, verletzlich, isoliert.
Priors Kunst ist tief geprägt von den Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland, von der Wahrnehmung menschlicher Geworfenheit und Zerbrechlichkeit sowie von den Lebensrealitäten einer multinational geprägten industriellen Arbeiterkultur. Seine Bilder und Skulpturen sprechen von Schmerz, Verwundung und Vereinzelung als wiederkehrenden Grundbedingungen menschlicher Existenz.
Als Angehöriger der Nachgeborenen verweigerte sich Prior der Verdrängung und Schuldabwehr der Tätergeneration. Der Einberufung zum Wehrdienst im westdeutschen Wirtschaftswunderland entzog er sich durch die Emigration in die Schweiz. Dort verfolgte er aufmerksam den Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main und setzte sich als schuldlos Geborener intensiv mit dem deutschen Menschheitsverbrechen auseinander.
Dieses historische Bewusstsein und die Auseinandersetzung mit der Philosophie nach Auschwitz bilden ein fundamentales Fundament seines Denkens und Schaffens. Priors Werk ist Ausdruck eines existenziellen Ringens um Erinnerung, Verantwortung und die fragile Würde des Menschen.
Photos: © Stefan Gröpper Photography / Daniel Woeller
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