Plagge
Hoffnungsträger
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PORTRAIT
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Ich tat das, weil ich es für meine Pflicht hielt.
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Karl Plagge wird 1939 als Ingenieuroffizier zur Wehrmacht eingezogen. Im deutsch besetzten Wilna (heute Vilnius in Litauen) leitet er ab 1941 einen Heereskraftfahrpark (HKP), in dem Armeefahrzeuge repariert werden. Plagge setzt viele Jüdinnen und Juden aus dem Ghetto Wilna in seinen Werkstätten ein. Er erklärt sie für „wirtschaftsnotwendig“ und rettet sie so vor der Ermordung, darunter auch etliche ungelernte Arbeitskräfte.
Als die Jüdinnen und Juden des Ghettos Wilna im Herbst 1943 deportiert werden sollen, erreicht Plagge bei der SS-Führung, weiterhin mehr als 1.000 jüdische ZwangsarbeiterInnen im HKP einzusetzen. Er lässt für sie ein Lager errichten.
Im Juli 1944 sollen die jüdischen ZwangsarbeiterInnen des HKP deportiert und ermordet werden. Plagge warnt die Jüdinnen und Juden. Etwa 250 von ihnen gelingt es, aus dem Lager auszubrechen oder in vorbereitete Verstecke zu flüchten.
Nach dem Krieg gerät Karl Plagge für drei Monate in amerikanische Kriegsgefangenschaft.
2005 wird Karl Plagge von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.
© Gedenkstätte Stille Helden
- Vor dem früheren Senatssaal der Technischen Universität Darmstadt im Alten Hauptgebäude in der Hochschulstraße erinnert seit dem 18. Juni 2003 eine Gedenktafel an ihn.
- 2005 wird Karl Plagge von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.
- Am 10. Februar 2006 wurde die ehemalige Frankenstein-Kaserne in Pfungstadt bei Darmstadt in Major-Karl-Plagge-Kaserne umbenannt.
- Auf dem Schulhof des Ludwig-Georgs-Gymnasiums befindet sich seit dem 10. Februar 2006 eine Büste von Plagge.
- Am 24. Januar 2008 wurde Karl Plagge von der Carnegie Stiftung für Lebensretter Deutschland mit der Lebensretter Medaille geehrt.
- Am 4. Mai 2017 eröffnete die Technische Universität Darmstadt einen Neubau namens Karl Plagge Haus.
- Der Karl Plagge Award ist ein von den Nachkommen Plagges gestifteter Preis für litauische Schulklassen, die sich über den Lehrplan hinaus mit der jüdisch-litauischen Vergangenheit beschäftigen. Der jährlich vergebene Preis wird vom litauischen Kultusministerium unterstützt.
- Michael Good: Die Suche. Karl Plagge, der Wehrmachtsoffizier, der Juden rettete.
Aus dem Englischen von Jörg Fiebelkorn. Weinheim 2006. - Darmstädter Geschichtswerkstatt e. V. (Hrsg.): Karl Plagge. Ein Gerechter unter den Völkern.
Begleitheft zur Ausstellung. Darmstadt 2008. - Simon Malkès: Der Gerechte aus der Wehrmacht. Das Überleben der Familie Malkès in Wilna und die Suche nach Karl Plagge. Berlin 2014.
Karl Plagges Brief an seine Frau Anke vom 21. Juni 1944 – Auszug
… Ich stehe hier in einer anderen Welt. In der unheimlichen dimensionslosen Welt des Ostens. Nur ein paar kurze Worte dringen von mir zu Dir. Meine Vorstellungswelt, meine Anschauungen von den Dingen bilden sich an Ereignissen, Erfahrungen und Erkenntnissen, die ich nicht schreiben darf und auch nicht sagen will. Und doch prägen sie meine Gesamteinstellung.
… Ich trage eben schwer am Leben, sehr schwer. Manchmal glaube ich fast, ich packe es kaum. Aber ich kämpfe mich immer wieder durch. … Immer wieder bricht bei mir eine starke Menschlichkeit durch, die so ganz im Gegensatz steht zu den vielen Unmenschlichkeiten um mich herum. Hier liegt wohl der größte Konflikt in mir. Als Nationalsozialist muss ich „ja“ sagen zu den Massenschlächtereien, zu der Polenpolitik, die in diesem Volk eine minderwertige Klasse Mensch sieht. … Als Mensch sehe ich ein, dass das Irrsinn ist und dass das alles zu einem
Trümmerhaufen werden muss. …Eine große Menge Herzblut, meine beste Kraft steckt hier in meinem Werk. Denn es ist ganz mein Werk. Und das Werk ist aufgebaut nur auf meine Person und wird verfallen, wenn ich nicht mehr bin. Es ist aufgebaut auf meiner Menschlichkeit, auf meiner Fürsorge auf meinen Gedanken über das Zusammenleben der Menschen. Es ist ein Teil meines Wesens, es ist ein Stück Erfüllung meines
Lebens. … Und der schlimmste Konflikt ist der, dass all dies in absolutem Gegensatz zu dem steht, was führende Männer wollen und erstreben: Herren sein, …, den Osten unterjochen und uns untertan machen. … Deshalb schickt man den Abschaum hierher. Der ist gerade noch gut genug, um diesem dreckigen Polenvolk zu imponieren. Und wie anders, wie gänzlich verschieden sehe ich die Dinge. Glaubst Du, ich könnte mit diesen Grundsätzen 2000 Menschen wertvolle Arbeit für die deutsche Wehrmacht leisten lassen. Menschen, die diese Arbeit heute willig und freudig fast tun, weil sie wissen, ich bin da und helfe und schütze? Menschen, die zuerst verletzt, misstrauisch, verlumpt, halb verhungert und verelendet waren und zum großen Teil noch sind.
Ich handle so wie ich muss, wie mich mein Wesen treibt, nicht weil ich Nationalsozialist, sondern obwohl ich Nationalsozialist bin. … Wie demütigend ist vieles, was man hier erleben muss.
… Wie schämt man sich oft tief im Innersten über die verfahrene Situation, in der wir Deutsche uns hier befinden. Ich schreibe Dir das alles einmal so genau, damit Du mich etwas verstehen sollst. Sonst rede ich mit niemand und schreibe auch an niemand solche Erkenntnisse. Sie liegen nur wie versteckte schwere Steine auf meiner Seele, die hier niemand kennt. Und des Nachts lasten sie auf meiner Brust und rauben mir Atem und Schlaf. … ich sehe Dich Deinen lieben Kopf schütteln: Warum macht er es sich so schwer, warum wird er nicht anders?
Ja, … warum bin ich so? Warum muss das alles sein? Warum mache ich mir das Leben hier nicht so schön wie viele, viele andere hier? Weil ich mich – gerade als ehemaliger Nationalsozialist verantwortlich fühle für alles, was geschieht. Weil jeder Finger der verächtlich auf den Deutschen zeigt auch auf mich gerichtet ist. Weil, wenn ich auch auf den Trümmern eines vergangenen Ideals stehe, mir diese Trümmer immer noch Stücke meines Herzens sind und die Wunde noch immer blutet und schmerzt und bluten und schmerzen wird so lange ich noch lebe.
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Nun ist es spät in der Nacht und ich bin so müde, denn ein Gewitter zieht am Himmel herauf nach einem schwülen Tag.
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Dein Karl
Quelle: Search for Major Plagge – Plagge-Dokumente, online.
Eidesstattliche Erklärung – Auszug
Heinz Zeuner
Rhönring 43, Darmstadt
Ich kenne Herrn Plagge schon seit dem Jahre 1940 und war bis zum Kriegsende mit ihm zusammen. Man konnte sich keinen Vorgesetzten denken, der sich mehr um das Wohl und Wehe seiner Untergebenen bekümmert hätte als er. Als wir nach Russland kamen, wurde ich Verpflegungsunteroffizier des Kraftfahr-Instandsetzungsparks, der von ihm geführt wurde.
Als solcher kam ich mit ihm fast täglich zusammen, da er sich dauernd Sorge darüber machte, ob auch alle genügend satt würden. Ganz besonders bekümmerte er sich auch um die im Park beschäftigten Zivilarbeiter, für die ich dauernd Zusatzmittel (Kartoffeln, Mehl, Gemüse usw.) beschaffen musste. Er veranlasste sogar wöchentliche Feststellungen des Körpergewichtes, um sich zu überzeugen, dass die Ernährung ausreichend sei. Ganz besonders musste ich immer darauf achten, dass an die Offiziere keinerlei besseres oder mehr Essen ausgegeben wurde als an uns. … Bei Plagge fiel besonders sein großer Gerechtigkeitssinn auf. Überall, wo er glaubte, dass Unrecht geschah, schaltete er sich selbst ein. Ganz besonders, wenn Juden verfolgt wurden.
Jüdische Männer, Frauen und Kinder haben sich mit seinem Wissen und Einverständnis wochenlang im Gelände des Parks versteckt gehalten, als der SD die Juden in Wilna verschleppte. Einem jüdischen Arzt und seinem 75-jährigen Vater hat er Ausweise als Kraftfahrzeughandwerker ausgestellt, sodass sie hiermit der Verhaftung entgehen konnten. Seinen polnischen Ingenieur hat er selbst aus dem Gefängnis geholt, wohin er ohne Urteilsspruch verschleppt worden war.
Als man begann, Arbeiter nach Deutschland zwangszuverschleppen, hat er vielen Polen geholfen, indem er ihnen die notwendigen Ausweise gab, ohne dass es überhaupt Fachleute waren. Eigentlich wundere ich mich, dass aus all diesen Dingen keine großen Schwierigkeiten für ihn entstanden sind. Es bestand doch immer die große Gefahr, dass der SD oder die Zivilverwaltung dahinterkamen, wie ihre Maßnahmen im Werk durchkreuzt wurden. Herrn Plagges größte Sorge war zunächst, uns ohne Verluste in englische oder amerikanische Gefangenschaft zu überführen, was ihm schließlich am 2. Mai 1945 auch gelang. Wir haben ihn alle gerne gehabt und geachtet.
Diese Erklärung entspricht der vollen Wahrheit. Es ist mir bekannt, dass unwahre Angaben mich schwerer Bestrafung aussetzen. Ich selbst habe niemals der Partei angehört.
[gez.] Heinz Zeuner, 30. Juli 1947
Quellen: Search for Major Plagge – Plagge-Dokumente, online.
Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden. Signatur: 4.1.3. / Department 520 / Spruchkammern / Dl / Plagge, Karl
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