Cohn
Hoffnungsträger
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PORTRAIT
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Ihr kennt die Grenzen meines Mutes nicht.
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„Ich bereue nichts von dem, was geschehen ist, und ich würde nicht eine Sekunde zögern, wenn alles noch einmal von vorn begänne.“
Marianne Cohn
Marianne Cohn wächst seit 1928 in Berlin auf. 1934 emigriert die Familie zunächst nach Barcelona. Nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges werden Marianne und ihre Schwester Lisa nach Paris, bald darauf von einer Hilfsorganisation in die Schweiz geschickt. Als die Eltern nach der Einreise nach Frankreich in Moissac zwangsangesiedelt werden, findet die Familie wieder zusammen. In Moissac schließt sich Marianne Cohn einer Pfadfinderorganisation an, die jüdische Kinder und Jugendliche illegal in Kinderheimen oder bei nichtjüdischen Familien unterbringt. Da diese Kinder zum Teil Schwierigkeiten haben, sich in den katholischen Familien zurechtzufinden, und oft einen fremden Akzent sprechen, birgt ihr Aufenthalt große Risiken. Deshalb wird beiderseits der französisch-schweizerischen Grenze eine Fluchthilfe organisiert. Kleine Gruppen von Kindern werden in nächtlichen Reisen etappenweise über die Grenze gebracht. Drei bis vier dieser heimlichen Kindertransporte gehen wöchentlich bis September 1943 in Richtung Schweizer Grenze ab. Am 31. Mai 1944 wird Marianne Cohn, als sie einen solchen Transport begleitet, kurz vor der schweizerischen Grenze von deutschen Zöllnern kontrolliert. Sie behauptet, die Kinder würden in der nahe gelegenen Ferienkolonie erwartet. Als sich herausstellt, dass dies nicht zutrifft, und sie als Juden erkannt werden, wird die ganze Gruppe inhaftiert. Marianne Cohn schlägt die Möglichkeit zur Flucht aus, um bei den Kindern bleiben zu können. Es gelingt ihr, die kleineren Kinder freizubekommen, während die größeren Kinder in einer Hotelküche arbeiten müssen. So können sie gerettet werden. Marianne Cohn wird am 8. Juli 1944 in der Nähe von Annemasse ermordet.
© Gedenkstätte Deutscher Widerstand
- Posthum wurde Marianne Cohn am 7. November 1945 geehrt, als ihr die Militärregierung in Lyon das Kriegskreuz mit silbernem Stern verlieh. In Ville-la-Grand entstanden 1956 eine nach ihr benannte Straße und ein Denkmal. 1982 wurde in Yad Vashem ein Garten zu ihrem Andenken eröffnet, und 1984 erhielten in Annemasse eine Vorschule und eine Grundschule ihren Namen. In Berlin-Tempelhof erinnert die Marianne-Cohn-Schule an sie. An ihrer letzten Wohnadresse am Wulfila-Ufer 52 wurde 2007 ein Stolperstein verlegt, ein weiterer in ihrer Geburtsstadt Mannheim. Dort beschloss der Gemeinderat 2014 außerdem eine Straßenbenennung.
- 2018 gestalteten Studierende in Tel Aviv eine Ausstellung über Marianne Cohn und Mila Racine, die mit dem Yad-Vashem-Preis für ein Bildungsprogramm über die Geschichte französischer Juden im Holocaust ausgezeichnet wurde.
- Zu ihrem 100. Geburtstag organisierte Annemasse im September 2022 eine Veranstaltungsreihe mit Feierstunde, Führungen und Ausstellungen. Zudem fand am 9. November 2022 in der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ im Rathaus Schöneberg eine Gedenkveranstaltung statt; eine weitere folgte am 22. Januar 2023 zum Holocaustgedenktag in der Kirche zum Heilsbronnen.
- Arno Lustiger: Zum Kampf auf Leben und Tod! Das Buch vom Widerstand der Juden 1933 – 1945. Köln 1994, S. 439 ff.
- Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Themenkatalog 17.1 „Widerstand von Juden“. Berlin 2014.
- Kurt Schilde: Marianne Cohn – „dass sie sich absolut nicht für eine Heldin hielt.“ Eine Fluchthelferin aus Deutschland in der Résistance, in: Julius H. Schoeps/Dieter Bingen/Gideon Botsch (Hrsg.): Jüdischer Widerstand in Europa (1933-1945). Berlin 2016, S. 161–181.
Gedicht
Ich werde morgen verraten, heute nicht.
Heute reißt mir die Nägel aus.
Ich werde nichts verraten.
Ihr kennt die Grenze meines Mutes nicht.
Ich kenn sie.
Ihr seid fünf harte Pranken mit Ringen.
Ihr habt Schuhe an den Füßen.
Mit Nägeln beschlagen.
Ich werde morgen verraten, heute nicht.
Morgen.
Ich brauch die Nacht, um mich zu entschließen,
Ich brauch wenigstens eine Nacht,
Um zu leugnen, abzuschwören, zu verraten.
Um meine Freunde zu verleugnen,
Um dem Brot und Wein abzuschwören,
Um das Leben zu verraten,
Um zu sterben.
Ich werde morgen verraten, heute nicht.
Die Feile ist unter der Kachel,
Die Feile ist nichts fürs Gitter,
Die Feile ist nicht für den Henker,
Die Feile ist für meine Pulsader.
Heute habe ich nichts zu sagen.
Ich werde morgen verraten.
Marianne Cohn
„Ich bereue nichts von dem, was geschehen ist, und ich würde nicht eine Sekunde zögern, wenn alles noch einmal von vorn begänne.“
Ardi Goldman Kunst-
und Kulturstiftung gGmbH
60386 Frankfurt