Der Kunstparcours

Hohlkopf, 2022 / Golem, 2013-2024 / Die Umschlungen, 2013-2014 / Der Sieger, 2013 / Piäta, 1996

Dimensions variable

Jedes Material ist eine Herausforderung, egal, ob es ein sechs Meter hoher Baumstamm oder ein Stück Papier ist.  

Klaus Prior lebt und arbeitet in Lugano und Kißlegg/Westallgäu, CH.
*1945 in Wesel, DE

EDUCATION

Malerei an der Kunstgewerbeschule St. Gallen, St. Gallen

Ein Blick hinter das Werk

Hohlkopf, 2022
Eisenguss und Stahlsockel  | Skulptur 58 x 46 x 124 cm | Stahlsockel 70 x 70 x 40 cm

 

Golem, 2013-2024
Zedernholz | 80 x 110 x 450 cm

Der Künstler Prior hat einen Golem erschaffen, obgleich der Schöpfer, wie es der Legende nach der Fall zu sein hätte, keineswegs nah zu Gott ist. Prior, ganz und gar säkular, kommt wohlweislich ohne Gott aus. Er hat aber ein Wesen geschaffen, das in seiner Mehrdeutigkeit dem Menschen beistehen kann. Der Mensch braucht Beistand gegen die unter ihm weilenden Menschenfeinde.

Nach der Golem-Legende erschaffen weise und gelehrte Rabbis die Figur aus Lehm. Sie hauchen ihr Leben ein. Golem soll die Juden vor der drohenden Vernichtung retten. Im vergangenen Jahrhundert freilich fehlte Golem. Er war nicht da und wurde auch von niemandem erschaffen, um die Juden Europas vor der Katastrophe zu bewahren.

Für Prior hat der Golem eine universelle Bedeutung. Vom Menschen erschaffen ist er eine Zwitterfigur. Er steht für das Rätsel, das der Mensch sich selbst ist. Mit Stanisław Lem weiß Prior, dass der Mensch ein Zufallsprodukt ist. Nichts Teleologisches eignet ihm, er ist auf keinen Zweck hin entstanden. Zufällig ist die Welt und auch der Mensch in ihr. Diese ganz und gar weltliche Sicht auf die Existenz des Menschen hebt aber seine Eigenverantwortung hervor. Wenn alles Menschenwerk ist, wenn alles in unseren Händen liegt, dann ist der Mensch das Subjekt der Geschichte. Ein Ausweg, in welche Sphäre auch immer, ist versperrt. Alle Transzendenz ist ausgeschlossen.

Ist der Mensch Menschenwerk, dann schafft der Menschenbildner Prior in seinem vor rund zehn Jahren entstandenen Golem ein Wesen, das uns Wächter und Retter, Helfer und Beschützer, aber auch Monster und Bösewicht sein kann.

Was der von Menschen erschaffene Golem uns ist, entscheidet einzig der Mensch. Ob er ihm zum Wohle oder zum Verderben gereicht, liegt in seiner, des Menschen Hand.

 

Die Umschlungen, 2013-2014
Eisenguss ohne Sockel | 70 x 43 x 200 cm


An der Titelgebung der Plastik „Die Umschlungenen“ ist die Offenheit des bildhauerischen Werks von Klaus Prior sehr gut nachzuvollziehen. Die zwei Gestalten können uns ein Liebespaar zeigen, das unbeschwert in den Tag hineintanzt und nichts als das kleine private Glück kennt. Doch eine solche Interpretation, die selbstredend nicht ausgeschlossen ist, legt das Werk Priors nicht nahe. Abermals hat der Künstler die deutsche Vergangenheit vor Augen, die ihn so wenig loslässt wie jeden  geschichtsbewussten Menschen.

Das Werk will uns ein Paar in Todesangst zeigen. Es hat sich auf Befehl der SS, nachdem es fürs Gas selektiert worden ist, seiner Kleidung entledigen müssen. Nackt, in Angst und Liebe vereint, tritt es umschlungen in die Gaskammer. Prior zeigt nicht die im Gas erstickten Opfer, er zeigt uns das liebende Paar, das Opfer seiner Mörder wird, in seiner Zärtlichkeit und Liebe aber über die Menschenvernichter obsiegt.

Wir können uns das Paar aber auch Ende September 1941 in der Schlucht von Babyn Jar unweit von Kyjiw vorstellen.

Einer Interpretation zufolge geht es gemeinsam in den Tod, obgleich der Mann sich hätte retten können. Er ist nach dieser Auslegung Nichtjude und die deutschen Mörder stellten ihm frei zu gehen, sich zu retten. Doch er blieb, er ließ seine Frau nicht im Stich, teilte mit ihr das Schicksal.

Wohlgemerkt: Priors offene Kunst überlässt es der Betrachtung, sich einen Reim zu machen. Indem er schonungslos und ungeschminkt dem Menschen sein Spiegelbild, mithin sein wahres Gesicht zeigt, verwehrt er uns, im Schönen, Wahren und Guten unsere Zuflucht.

 

Der Sieger, 2013
Eisenguss ohne Sockel | 50 x 80 x 283 cm 

Prior schafft Werke, die sich in seiner eigenen Wahrnehmung, die immer auch Selbst- und Weltbetrachtung ist, wandeln können. Die Gestalt, der Ardi Goldman den Titel „Der Sieger“ gegeben hat, stand auf. Zunächst vom Künstler als liegende Figur ausgestellt, erhob sie sich in ihrer Selbstbehauptung. Die über dem Kopf ausgestreckten Arme signalisieren nicht Aufgabe und Ergebenheit, nicht Widerstandslosigkeit und Verzagen. Sie symbolisieren vielmehr Resistenz, den Sieg über innere und äußere Widrigkeiten. Die Figur genießt den Augenblick, lebt den Sieg aus.

Eine starke, eine widerstandsfähige Figur hat Prior geschaffen. Fragilität eignet ihr nicht. Sie strotzt vor Kraft. „Der Sieger“ bleibt standhaft und unüberwindbar.

 

Piäta, 1996
Eisenguss Nr. 2 von 2 aus dem Holzmodell & Stahl-Sockel
186 x 285 x 156 cm | 850 x 1400 x 28 cm

Priors Kunst ist offen. Der 1995 aus Holz geschaffenen Skulptur hat Prior jedoch einen Titel gegeben: „Pietà“.
Einige Jahre später hat er davon einen Eisenguss hergestellt.

Das Werk zeigt uns nicht die Jesusmutter, die sich gramerfüllt über den toten Gottessohn beugt, es zeigt uns auch nicht wie bei Käthe Kollwitz die trauernde Mutter, die den gefallenen Sohn in ihrem Schoß hält. Prior hat das Motiv umgekehrt. Ein nackter Mann steht „mit geneigtem Kopf“ vor einer gleichfalls nackten Frau, einem verstümmelten Körper.

Prior hat, was er selten tut, ausgesprochen, welche geschichtlichen Ereignisse ihn zu dem Werk veranlasst haben. Wir schreiben die 1990er-Jahre. In Jugoslawien, in Ruanda, in Darfur werden Menschen abgeschlachtet. Frauen sind bevorzugtes Opfer sexualisierter Gewalt.

Orientiert am Titel „Pietà“ können wir annehmen, dass der Mann nicht der Täter ist. Er ist vielleicht der trauernde Ehemann, der Vater, der Bruder, der das Opfer mit hängenden Armen voller Gram betrachtet. Wir sehen demnach die Frau als Opfer, den Mann als Schmerzensgestalt.

Priors geniale Motivumkehrung ist freilich hintergründig. Vor dem nackten Opfer steht ein nackter Mann. Er kann der vom Schmerz zerrissene Angehörige sein, aber auch derjenige, der die zum Opfer gewordene Frau verstößt, weil sie die Ehre der Familie beschmutzt hat. Nicht selten lesen wir in Berichten über Opfer von Vergewaltigungen, dass die Frauen aus der Familie ausgeschlossen werden. Als Opfer sexualisierter Gewalt sollen sie Schande über die Familie gebracht haben. Wir können in dem nackten Mann aber auch den Täter sehen, der sein geschändetes Opfer mitleidlos betrachtet. Wie immer wir das Werk verstehen wollen: die Frau, nicht der zum Heil der Menschen geopferte Gottessohn, nicht der zum Wohle der Nation gefallene Soldat ist das Opfer. Wenn Prior angesichts der Zeitereignisse dieses Figurenensemble geschaffen hat, dann gemahnt er eine jede/einen jeden von uns zur Selbsterkenntnis. Sind wir bereit, wie immer unsere nationale Zugehörigkeit bestellt sein mag, die Verbrechen einzugestehen, die möglicherweise von den Unsrigen begangen worden sind. Sind wir willens, die Untaten aufzuklären und zu ahnden, auch wenn sie unsere Landsleute begangen haben. Waren die Deutschen nach 1945 mit der beschämenden Erkenntnis konfrontiert, dass die Mörder unbehelligt und wohl gelitten unter ihnen lebten, so ist heute weltweit festzustellen, dass immer noch Straflosigkeit und nicht Recht und Gerechtigkeit herrschen. Den Gang nach Den Haag müssten viele gehen, doch der Weg dorthin ist leider weit und beschwerlich.

Über die Künstler:in

Klaus Priors künstlerische Arbeit entsteht ohne vorbereitende Skizzen oder Modelle. Seine Skulpturen ebenso wie seine Arbeiten auf Leinwand und Papier werden, je nach Größe, oft in einem einzigen, konzentrierten Arbeitsgang realisiert. Spontaneität und Verdichtung bestimmen den Prozess. In einer Form psychischen Automatismus’ visualisiert Prior seine jeweilige innere Befindlichkeit. Die Werke spiegeln rohe, intuitive Empfindungen und unmittelbare emotionale Zustände.

Mit spontan gewählten Farben, impulsiven Gesten und rasch gesetzten Pinselstrichen entwickelt der Künstler aus innerer Notwendigkeit die Silhouetten seiner Motive. Das Überschreiten von Formgrenzen, die bewusste Überbetonung von Köpfen, Gesichtern, Gliedmaßen oder Gesten sowie die sichtbar belassenen Arbeitsspuren sind zentrale Stilmittel. Sie fungieren als Manifestationen des momentanen Ausdrucks und verleihen den Arbeiten ihre eindringliche Präsenz.

Bildhauerisch arbeitet Prior vornehmlich mit Holz, einem der ältesten Werkstoffe der Kunst. Auch seine Eisenplastiken gehen auf Holzskulpturen zurück. Er verzichtet konsequent auf erzählerische Kontexte, auf Attribute oder gegenständliche Hinweise, die seine Figuren in episodische Zusammenhänge einbinden könnten. Die Gestalten stehen für sich – existenziell, verletzlich, isoliert.

Priors Kunst ist tief geprägt von den Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland, von der Wahrnehmung menschlicher Geworfenheit und Zerbrechlichkeit sowie von den Lebensrealitäten einer multinational geprägten industriellen Arbeiterkultur. Seine Bilder und Skulpturen sprechen von Schmerz, Verwundung und Vereinzelung als wiederkehrenden Grundbedingungen menschlicher Existenz.

Als Angehöriger der Nachgeborenen verweigerte sich Prior der Verdrängung und Schuldabwehr der Tätergeneration. Der Einberufung zum Wehrdienst im westdeutschen Wirtschaftswunderland entzog er sich durch die Emigration in die Schweiz. Dort verfolgte er aufmerksam den Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main und setzte sich als schuldlos Geborener intensiv mit dem deutschen Menschheitsverbrechen auseinander.

Dieses historische Bewusstsein und die Auseinandersetzung mit der Philosophie nach Auschwitz bilden ein fundamentales Fundament seines Denkens und Schaffens. Priors Werk ist Ausdruck eines existenziellen Ringens um Erinnerung, Verantwortung und die fragile Würde des Menschen.

Ardi Goldman Kunst-
und Kulturstiftung gGmbH

Carl-Benz-Straße 35
60386 Frankfurt

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