Der Kunstparcours

Stoffi van Stedel

DAS LEBEN IST SCHÖN, 2025

seven fabric ribbons with embroidered | words and sentences | height 35 cm, width 109 – 270 cm / 35 x 109 – 270 cm | installed on trees in a height of 2,70 meters to 3,80 meters

Als ich das erste Mal die Gedenkstätte in Auschwitz besuchte, hatte ich dafür einen Tag vorgesehen. Ich blieb eine Woche. Es dauerte fast zwanzig Jahre, um heute sagen zu können: "Das Leben ist schön." Trotzdem wünsche ich mir, dass jeder einmal in seinem Leben dort gewesen sein sollte.

Stoffi van Stedel lebt und arbeitet in Frankfurt am Main, DE
* 1974 in Frankfurt am Main, DE

EDUCATION

Diplom Kunstpädagogik, Justus-Liebig-Universität, Gießen
Freie Kunst, Abendschule Städelschule, Frankfurt am Main

Ein Blick hinter das Werk

Mit dem Werk DAS LEBEN IST SCHÖN auf dem Union-Gelände spannt Stoffi van Stedel einen Bogen von der Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft. Die verwendeten Stoffbinden sollen die Betrachtenden dazu ermutigen, trotz der Schwere der Vergangenheit – wie auch der Gegenwart – den Fokus auf Positives zu lenken und den Blick in eine hoffnungsvolle Zukunft zu richten.

Die Buchstaben leuchten in orangeroter Schreibschrift auf einem quer gestreiften Stoffhintergrund. Größe und isolierte Platzierung des Satzes unterstreichen seine besondere Bedeutung. Dieser Satz sowie weitere Worte, Sprüche und Fragen sind auf gestreiften Stoff geschrieben und eröffnen vielfältige Assoziationen. Die blau-grauen Querstreifen verändern sich je nach Blickwinkel zu Längsstreifen und erinnern unweigerlich an die Kleidung von KZ-Häftlingen der nationalsozialistischen Zeit.

Die mehrteilige Arbeit zeigt eine Reihe handgeschriebener Sätze. Es handelt sich um bekannte Redewendungen, um Sprüche aus dem persönlichen Umfeld der Künstlerin sowie um abgewandelte Fragmente aus Texten, Liedern, Gedichten oder Filmen. Darüber hinaus greift die Arbeit auf historische Zitate zurück, die durch minimale sprachliche Veränderungen neue Bedeutungsebenen öffnen und unterschiedliche Interpretationen zulassen.

Nach wiederholtem oder auch einmaligem Lesen wird erkennbar, dass sich in einigen Sätzen ein historischer Bezug zum Nationalsozialismus herstellen lässt. Formulierungen wie „Leben ist schön“ oder „Arbeit macht Freude“ rufen bekannte Fragmente ins Gedächtnis. In der Assoziation stößt man unweigerlich auf den Satz „Arbeit macht frei“, der über dem Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz in der polnischen Stadt Oświęcim angebracht war. Der Satz suggerierte den Gefangenen eine vermeintliche Aussicht auf Freiheit durch Arbeit, während diese in Wirklichkeit zur völligen Ausbeutung, zur tödlichen Erschöpfung oder zur Ermordung führte. Auch der Begriff „Freiheit“ gehört zu diesem Wortfeld – ein Zustand, von dem die Häftlinge in Auschwitz weit entfernt waren.

Die abgewandelten historischen Zitate sind ausdrücklich nicht als Verhöhnung oder Infragestellung historischer Fakten zu verstehen. Vielmehr zielt die Arbeit auf einen behutsamen Versuch ab, eine Brücke von damals nach heute zu schlagen. Sie regt dazu an, sich im Hier und Jetzt bewusst zu machen, dass die heutige Gesellschaft in vielen Bereichen privilegiert ist – eingebettet in demokratische Strukturen und geprägt von individuellen Entfaltungsmöglichkeiten. Gleichzeitig verweist das Werk auf die aktuelle politische Entwicklung, insbesondere auf die Stärkung rechtspopulistischer Strömungen, die nationalistisches und fremdenfeindliches Gedankengut verbreiten und große Besorgnis auslösen. Die Taten und Ideologien der Nationalsozialisten sollen nicht verblassen oder verleugnet werden. Auch angesichts einer heranwachsenden Generation, für die der Besuch von Gedenkstätten an Relevanz verliert, hält das Werk an der Hoffnung fest, zumindest einzelne Menschen zum Nachdenken und Erinnern zu bewegen.

Über die Künstler:in

Die Biografie von Stoffi van Stedel führt im Rahmen einer Ahnenforschung in die polnische Stadt Oświęcim. Mehrere Aufenthalte sowie intensive Besuche der Gedenkstätte Auschwitz prägen sie nachhaltig und bilden den Ausgangspunkt einer künstlerischen Auseinandersetzung mit Erinnerung, historischer Verantwortung und den Betroffenen. Persönliche Begegnungen und Gespräche mit Holocaust-Überlebenden begleiten diesen Prozess und beeinflussen die Entwicklung ihrer künstlerischen Position. Trotz der geschilderten entsetzlichen Erfahrungen der Zeitzeugen sind diese Begegnungen auch von positiven und versöhnlichen Momenten geprägt.

Ardi Goldman Kunst-
und Kulturstiftung gGmbH

Uniongelände
Hanauer Landstraße 188, 60314 Frankfurt am Main

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