Der Kunstparcours

Klaus Prior

Piäta, 1996

Eisenguss Nr. 2 von 2 aus dem Holzmodell & Stahl-Sockel
186 x 285 x 156 cm | 850 x 1400 x 28 cm

Jedes Material ist eine Herausforderung, egal, ob es ein sechs Meter hoher Baumstamm oder ein Stück Papier ist.  

Klaus Prior lebt und arbeitet in Lugano und Kißlegg/Westallgäu, CH.
*1945 in Wesel, DE

EDUCATION

Malerei an der Kunstgewerbeschule St. Gallen, St. Gallen

Ein Blick hinter das Werk

Priors Kunst ist offen. Der 1995 aus Holz geschaffenen Skulptur hat Prior jedoch einen Titel gegeben: „Pietà“.
Einige Jahre später hat er davon einen Eisenguss hergestellt.

Das Werk zeigt uns nicht die Jesusmutter, die sich gramerfüllt über den toten Gottessohn beugt, es zeigt uns auch nicht wie bei Käthe Kollwitz die trauernde Mutter, die den gefallenen Sohn in ihrem Schoß hält. Prior hat das Motiv umgekehrt. Ein nackter Mann steht „mit geneigtem Kopf“ vor einer gleichfalls nackten Frau, einem verstümmelten Körper.

Prior hat, was er selten tut, ausgesprochen, welche geschichtlichen Ereignisse ihn zu dem Werk veranlasst haben. Wir schreiben die 1990er-Jahre. In Jugoslawien, in Ruanda, in Darfur werden Menschen abgeschlachtet. Frauen sind bevorzugtes Opfer sexualisierter Gewalt.

Orientiert am Titel „Pietà“ können wir annehmen, dass der Mann nicht der Täter ist. Er ist vielleicht der trauernde Ehemann, der Vater, der Bruder, der das Opfer mit hängenden Armen voller Gram betrachtet. Wir sehen demnach die Frau als Opfer, den Mann als Schmerzensgestalt.

Priors geniale Motivumkehrung ist freilich hintergründig. Vor dem nackten Opfer steht ein nackter Mann. Er kann der vom Schmerz zerrissene Angehörige sein, aber auch derjenige, der die zum Opfer gewordene Frau verstößt, weil sie die Ehre der Familie beschmutzt hat. Nicht selten lesen wir in Berichten über Opfer von Vergewaltigungen, dass die Frauen aus der Familie ausgeschlossen werden. Als Opfer sexualisierter Gewalt sollen sie Schande über die Familie gebracht haben. Wir können in dem nackten Mann aber auch den Täter sehen, der sein geschändetes Opfer mitleidlos betrachtet. Wie immer wir das Werk verstehen wollen: die Frau, nicht der zum Heil der Menschen geopferte Gottessohn, nicht der zum Wohle der Nation gefallene Soldat ist das Opfer. Wenn Prior angesichts der Zeitereignisse dieses Figurenensemble geschaffen hat, dann gemahnt er eine jede/einen jeden von uns zur Selbsterkenntnis. Sind wir bereit, wie immer unsere nationale Zugehörigkeit bestellt sein mag, die Verbrechen einzugestehen, die möglicherweise von den Unsrigen begangen worden sind. Sind wir willens, die Untaten aufzuklären und zu ahnden, auch wenn sie unsere Landsleute begangen haben. Waren die Deutschen nach 1945 mit der beschämenden Erkenntnis konfrontiert, dass die Mörder unbehelligt und wohl gelitten unter ihnen lebten, so ist heute weltweit festzustellen, dass immer noch Straflosigkeit und nicht Recht und Gerechtigkeit herrschen. Den Gang nach Den Haag müssten viele gehen, doch der Weg dorthin ist leider weit und beschwerlich.

Über die Künstler:in

Klaus Priors künstlerische Arbeit entsteht ohne vorbereitende Skizzen oder Modelle. Seine Skulpturen ebenso wie seine Arbeiten auf Leinwand und Papier werden, je nach Größe, oft in einem einzigen, konzentrierten Arbeitsgang realisiert. Spontaneität und Verdichtung bestimmen den Prozess. In einer Form psychischen Automatismus’ visualisiert Prior seine jeweilige innere Befindlichkeit. Die Werke spiegeln rohe, intuitive Empfindungen und unmittelbare emotionale Zustände.

Mit spontan gewählten Farben, impulsiven Gesten und rasch gesetzten Pinselstrichen entwickelt der Künstler aus innerer Notwendigkeit die Silhouetten seiner Motive. Das Überschreiten von Formgrenzen, die bewusste Überbetonung von Köpfen, Gesichtern, Gliedmaßen oder Gesten sowie die sichtbar belassenen Arbeitsspuren sind zentrale Stilmittel. Sie fungieren als Manifestationen des momentanen Ausdrucks und verleihen den Arbeiten ihre eindringliche Präsenz.

Bildhauerisch arbeitet Prior vornehmlich mit Holz, einem der ältesten Werkstoffe der Kunst. Auch seine Eisenplastiken gehen auf Holzskulpturen zurück. Er verzichtet konsequent auf erzählerische Kontexte, auf Attribute oder gegenständliche Hinweise, die seine Figuren in episodische Zusammenhänge einbinden könnten. Die Gestalten stehen für sich – existenziell, verletzlich, isoliert.

Priors Kunst ist tief geprägt von den Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland, von der Wahrnehmung menschlicher Geworfenheit und Zerbrechlichkeit sowie von den Lebensrealitäten einer multinational geprägten industriellen Arbeiterkultur. Seine Bilder und Skulpturen sprechen von Schmerz, Verwundung und Vereinzelung als wiederkehrenden Grundbedingungen menschlicher Existenz.

Als Angehöriger der Nachgeborenen verweigerte sich Prior der Verdrängung und Schuldabwehr der Tätergeneration. Der Einberufung zum Wehrdienst im westdeutschen Wirtschaftswunderland entzog er sich durch die Emigration in die Schweiz. Dort verfolgte er aufmerksam den Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main und setzte sich als schuldlos Geborener intensiv mit dem deutschen Menschheitsverbrechen auseinander.

Dieses historische Bewusstsein und die Auseinandersetzung mit der Philosophie nach Auschwitz bilden ein fundamentales Fundament seines Denkens und Schaffens. Priors Werk ist Ausdruck eines existenziellen Ringens um Erinnerung, Verantwortung und die fragile Würde des Menschen.

Photos: © Stefan Gröpper Photography / Daniel Woeller

Ardi Goldman Kunst-
und Kulturstiftung gGmbH

Uniongelände
Hanauer Landstraße 188, 60314 Frankfurt am Main

Kontaktieren
Sie uns