Der Kunstparcours

Klaus Prior

Antenato (Vorfahre, Urahn), 2003

Eisenguss, 96 x 30 x 31 cm

Jedes Material ist eine Herausforderung, egal, ob es ein sechs Meter hoher Baumstamm oder ein Stück Papier ist.  

Klaus Prior lebt und arbeitet in Lugano und Kißlegg/Westallgäu, CH.
*1945 in Wesel, DE

EDUCATION

Malerei an der Kunstgewerbeschule St. Gallen, St. Gallen

Ein Blick hinter das Werk

Sein Gesicht trägt die Schwere einer Zeit, in der Europa zwischen Industrialisierung, Fortschrittsglauben und den Wunden zweier Weltkriege zerrissen wurde.

Die rohe Oberfläche des Eisengusses erinnert an verbrannte Erde, an Stahl, Maschinen und die Narben einer Epoche, in der der Mensch seine eigene Zerbrechlichkeit erkannte.

Nichts an dieser Gestalt sucht Schönheit im klassischen Sinn; ihre Würde liegt im Widerstand. Ecken, Brüche und Furchen erzählen von Verlust, Entbehrung und einer Menschheit, die ihre Leichtigkeit verlor.

Wie ein stiller Zeuge steht „Antenato“ im Raum – archaisch, schwer und zugleich von einer eigentümlichen Aura umgeben. Walter Benjamins Gedanke des Auratischen wird hier spürbar: die unwiederholbare Gegenwart eines Werkes, das Erinnerung nicht abbildet, sondern in sich trägt. Der rostende Eisenkörper verschließt seine Oberfläche wie eine Wunde, die sich über Jahrzehnte hinweg selbst konserviert hat. So wird der Rost nicht zum Zeichen des Verfalls, sondern zu einem Schutzmantel der Zeit.

In der kompromisslosen Form liegt eine neue Beobachtung des Menschen: nicht heroisch, nicht idealisiert, sondern gezeichnet von Geschichte. „Antenato“ blickt zurück auf Herkunft und Vergangenheit – und zugleich auf das, was vom Menschen bleibt, wenn alle Masken der Zivilisation gefallen sind.

Über die Künstler:in

Klaus Priors künstlerische Arbeit entsteht ohne vorbereitende Skizzen oder Modelle. Seine Skulpturen ebenso wie seine Arbeiten auf Leinwand und Papier werden, je nach Größe, oft in einem einzigen, konzentrierten Arbeitsgang realisiert. Spontaneität und Verdichtung bestimmen den Prozess. In einer Form psychischen Automatismus’ visualisiert Prior seine jeweilige innere Befindlichkeit. Die Werke spiegeln rohe, intuitive Empfindungen und unmittelbare emotionale Zustände.

Mit spontan gewählten Farben, impulsiven Gesten und rasch gesetzten Pinselstrichen entwickelt der Künstler aus innerer Notwendigkeit die Silhouetten seiner Motive. Das Überschreiten von Formgrenzen, die bewusste Überbetonung von Köpfen, Gesichtern, Gliedmaßen oder Gesten sowie die sichtbar belassenen Arbeitsspuren sind zentrale Stilmittel. Sie fungieren als Manifestationen des momentanen Ausdrucks und verleihen den Arbeiten ihre eindringliche Präsenz.

Bildhauerisch arbeitet Prior vornehmlich mit Holz, einem der ältesten Werkstoffe der Kunst. Auch seine Eisenplastiken gehen auf Holzskulpturen zurück. Er verzichtet konsequent auf erzählerische Kontexte, auf Attribute oder gegenständliche Hinweise, die seine Figuren in episodische Zusammenhänge einbinden könnten. Die Gestalten stehen für sich – existenziell, verletzlich, isoliert.

Priors Kunst ist tief geprägt von den Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland, von der Wahrnehmung menschlicher Geworfenheit und Zerbrechlichkeit sowie von den Lebensrealitäten einer multinational geprägten industriellen Arbeiterkultur. Seine Bilder und Skulpturen sprechen von Schmerz, Verwundung und Vereinzelung als wiederkehrenden Grundbedingungen menschlicher Existenz.

Als Angehöriger der Nachgeborenen verweigerte sich Prior der Verdrängung und Schuldabwehr der Tätergeneration. Der Einberufung zum Wehrdienst im westdeutschen Wirtschaftswunderland entzog er sich durch die Emigration in die Schweiz. Dort verfolgte er aufmerksam den Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main und setzte sich als schuldlos Geborener intensiv mit dem deutschen Menschheitsverbrechen auseinander.

Dieses historische Bewusstsein und die Auseinandersetzung mit der Philosophie nach Auschwitz bilden ein fundamentales Fundament seines Denkens und Schaffens. Priors Werk ist Ausdruck eines existenziellen Ringens um Erinnerung, Verantwortung und die fragile Würde des Menschen.

Photos: © Marie Ruck

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