Prior Piäta, 1996
The Art Walk
Piäta, 1996
186 x 285 x 156 cm | 850 x 1400 x 28 cm
Every material is a challenge, whether it is a six-metre-tall tree trunk or a piece of paper.
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A Closer Look at the Work
Priors Kunst ist offen. Der 1995 aus Holz geschaffenen Skulptur hat Prior jedoch einen Titel gegeben: „Pietà“.
Einige Jahre später hat er davon einen Eisenguss hergestellt.
Das Werk zeigt uns nicht die Jesusmutter, die sich gramerfüllt über den toten Gottessohn beugt, es zeigt uns auch nicht wie bei Käthe Kollwitz die trauernde Mutter, die den gefallenen Sohn in ihrem Schoß hält. Prior hat das Motiv umgekehrt. Ein nackter Mann steht „mit geneigtem Kopf“ vor einer gleichfalls nackten Frau, einem verstümmelten Körper.
Prior hat, was er selten tut, ausgesprochen, welche geschichtlichen Ereignisse ihn zu dem Werk veranlasst haben. Wir schreiben die 1990er-Jahre. In Jugoslawien, in Ruanda, in Darfur werden Menschen abgeschlachtet. Frauen sind bevorzugtes Opfer sexualisierter Gewalt.
Orientiert am Titel „Pietà“ können wir annehmen, dass der Mann nicht der Täter ist. Er ist vielleicht der trauernde Ehemann, der Vater, der Bruder, der das Opfer mit hängenden Armen voller Gram betrachtet. Wir sehen demnach die Frau als Opfer, den Mann als Schmerzensgestalt.
Priors geniale Motivumkehrung ist freilich hintergründig. Vor dem nackten Opfer steht ein nackter Mann. Er kann der vom Schmerz zerrissene Angehörige sein, aber auch derjenige, der die zum Opfer gewordene Frau verstößt, weil sie die Ehre der Familie beschmutzt hat. Nicht selten lesen wir in Berichten über Opfer von Vergewaltigungen, dass die Frauen aus der Familie ausgeschlossen werden. Als Opfer sexualisierter Gewalt sollen sie Schande über die Familie gebracht haben. Wir können in dem nackten Mann aber auch den Täter sehen, der sein geschändetes Opfer mitleidlos betrachtet. Wie immer wir das Werk verstehen wollen: die Frau, nicht der zum Heil der Menschen geopferte Gottessohn, nicht der zum Wohle der Nation gefallene Soldat ist das Opfer. Wenn Prior angesichts der Zeitereignisse dieses Figurenensemble geschaffen hat, dann gemahnt er eine jede/einen jeden von uns zur Selbsterkenntnis. Sind wir bereit, wie immer unsere nationale Zugehörigkeit bestellt sein mag, die Verbrechen einzugestehen, die möglicherweise von den Unsrigen begangen worden sind. Sind wir willens, die Untaten aufzuklären und zu ahnden, auch wenn sie unsere Landsleute begangen haben. Waren die Deutschen nach 1945 mit der beschämenden Erkenntnis konfrontiert, dass die Mörder unbehelligt und wohl gelitten unter ihnen lebten, so ist heute weltweit festzustellen, dass immer noch Straflosigkeit und nicht Recht und Gerechtigkeit herrschen. Den Gang nach Den Haag müssten viele gehen, doch der Weg dorthin ist leider weit und beschwerlich.
About the Artist
Klaus Prior’s artistic work takes shape without preparatory sketches or models. Depending on their size, his sculptures and works on canvas and paper are often completed in a single, concentrated session. Spontaneity and condensation define the process. Through a form of psychic automatism, Prior gives visual expression to his state of mind at that moment. The works reflect raw, intuitive sensations and immediate emotional states.
Using spontaneously chosen colours, impulsive gestures and swiftly applied brushstrokes, the artist develops the silhouettes of his motifs out of an inner necessity. Crossing the boundaries of form, deliberately exaggerating heads, faces, limbs and gestures, and leaving the traces of the working process visible are central stylistic devices. They embody the expression of the moment and give the works their compelling presence.
As a sculptor, Prior works primarily with wood, one of the oldest artistic materials. His iron sculptures also originate in wooden works. He consistently avoids narrative contexts, attributes and representational references that might place his figures within particular stories. The figures stand on their own: existential, vulnerable and isolated.
Prior’s art is deeply shaped by his childhood and youth in post-war Germany, by his awareness of the human condition and its fragility, and by the lived realities of an industrial working-class culture shaped by many nationalities. His paintings and sculptures explore pain, injury and isolation as recurring conditions of human existence.
As a member of the generation born after the perpetrators, Prior rejected their repression of the past and refusal to acknowledge guilt. He avoided conscription in West Germany during the economic miracle by emigrating to Switzerland. From there, he followed the Auschwitz trial in Frankfurt am Main closely and, although he bore no personal guilt, engaged deeply with Germany’s crimes against humanity.
This historical awareness and his engagement with philosophy after Auschwitz underpin his thinking and creative work. Prior’s oeuvre expresses an existential struggle with memory, responsibility and the fragile dignity of human beings.
Photos: © Stefan Gröpper Photography / Daniel Woeller
Ardi Goldman Kunst-
und Kulturstiftung gGmbH
Uniongelände
Hanauer Landstraße 188, 60314 Frankfurt am Main